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Sie reichten mir einen schwarzen Schlüpfer, der bis zu den Waden und über den Bauchnabel reichte. Anschließen kam ein Hemd, ebenfalls schwarz, mit langen Ärmeln, welches vom Hals bis über die Hüften reichte. Weiter ging es mit einem schwarzen Kopftuch, welches nur noch das Gesicht von mir übrig ließ. Dann reichten sie mir schwarze blick dichte Socken und Armstulpen, die über die Ärmel des Hemdes gezogen wurden. Die Handschuhe wurden über die Stulpen gezogen, so dass ich bis auf das Gesicht vollkommen schwarz gekleidet war. Das nächste Kleidungsstück war eine Überkopfabaya mit Butterflyärmeln. Damit die Ärmel nicht hoch rutschen, musste ich, die am Ärmel der Abaya befestigten Schlaufen über den jeweiligen Mittelfinger ziehen. Ein Hochrutschen der Ärmel wurde so effektiv verhindert. Petra zeigte mir einen Niqab. Mit einem stillen Nicken zeigte ich ihr, das ich bereit war für den Niqab. Nach wenigen Augenblicken verschwanden meine blaue Augen für immer hinter einem schwarzen Schleier. Dann kam noch der Khimar und ich war fertig. Es wurde mir sehr warm unter all den Klamotten, aber irgendwie war es ein gar nicht so ein befremdendes Gefühl. Im Gegenteil ich fühlte mich eigentlich wohl in der Kleidung. „Oh je! Das fühlt sich fantastisch an. Ich bin doch hoffentlich nicht zur Schleiereule geboren?“ dachte ich. Eigentlich war das ironisch gemeint, aber es klang in mir nach, als wenn es auch so wäre. Ich stellte mich mit den Frauen vor den Spiegel. Ich sah, bis auf die Größenunterschiede, drei sich vollkommen gleichende, schwarze Gespenster und fand das alles total gut und schön und fürchterlich aufregend. Ja, ich fühlte mich irgendwie geborgen und glücklich. Warum? Ich konnte es mir nicht erklären. „Was soll es? Ich werde hier tief verschleiert ein Wochenende unter freundlichen Menschen verbringen.“,dachte ich. Mir wurde ein Display gereicht, auf dem stand: „Bitte benutze dieses Display und versuche zu schweigen.“ So bediente ich zum ersten Mal ein Display, um mit anderen zu kommunizieren. „Vielen Dank für eure Fürsorge. Ich werde mit euch schweigen.“,schrieb ich. Schnell vergaß ich meine Zweifel und teilte mit meinen Schwestern, denn als solche betrachtete ich sie jetzt verwirrender Weise, ein Wochenende lang das Leben einer streng gläubigen Muslimah.

- Sie konnte nicht wissen, dass sie permanent, wie alle neuen Frauen, die sich über Nacht in der Madrasa aufhielten, dem Gas ausgesetzt war. Die Dosierung war mit Absicht sehr gering. Denn die schnelle Umwandlung von Anita Müller hatte damals vor einem Jahr für ziemlichen Wirbel gesorgt. Heute ging man viel langsamer und gezielter vor. Eine dauerhafte Berieselung führte auch zum Ziel. -

 

Es war Montagmorgen und Zeit für Petra und mich die Madrasa zu verlassen und zur Schule zu gehen. Die Frauen hatten mein Kleid gereinigt und genäht, aber nach über zwei Tagen in Verschleierung fühlte ich mich darin nackt und ich trug jetzt die gleiche sittsame Kleidung wie Petra. Ich hatte mir sogar wie Petra einen strengen Haarknoten gemacht. Ibrahim sagte: „Wenn ihr wollt, bringe ich euch gern zur Schule.“ Wir nickten und folgten ihm mit drei Schritten Abstand zum Auto. Dort nahmen wir schweigend im Fond Platz. „Wir sind mit unseren Nachforschungen, wegen des Überfalls auf dich schon weit gekommen. Ich hoffe, wir können die Verbrecher zum Wochenende dingfest machen. Wir haben die Zeit mit dir sehr genossen. Wenn du möchtest kannst du nächstes Wochenende wieder bei uns wohnen.“,sagte Ibrahim. Wieder nickte ich nur, ich genoss es zu schweigen. ich fühlte mich ohne Schleier noch etwas unsicher und war froh Petra in meiner Nähe zu haben. Der erging es ebenso. Wir hielten uns zum Trost gegenseitig die nackten Hände. Am Ziel verabschiedeten wir uns respektvoll und schweigend mit einer leichten Verbeugung von Ibrahim und betraten die Schule.

 

„Mensch, Hanna! Ich hätte dich beinahe nicht erkannt. Ist das ein neuer Modetrend oder gehörst du jetzt zu den Betschwestern?" ,bestürmte Julia mich. Wir umarmten uns und waren froh einander wieder zu haben. „Ich habe dir soviel zu erzählen. Aber halt, Petra geh nicht weg, komm zu mir. Wir sind doch Schwestern!“ „Ich möchte nicht stören und ihr redet mir auch zu viel. Sei mir nicht böse,liebe Schwester, aber ich brauch ein wenig Ruhe.“ sagte Petra. "Bitte, ich sehe dich heute noch, nicht wahr?“ bat ich und Petra nickte. „Was soll das bedeuten: liebe Schwester und so?“ frug Julia. „Mach dir keine Gedanken, es war ein sehr intensives Wochenende.“,sagte ich und erzählte ihr alles, was ich erlebt hatte. „Du warst das ganze Wochenende verschleiert? Das ist unglaublich und du hast mit denen zu Allah gebetet? Warum, um Gottes Willen?“ frug Julia. „Feldstudien und es hat auch Spaß gemacht. Die Leute dort waren richtig nett. Nächstes Wochenende will ich wieder hin. Ich werde mir dann dort die Dreckschweine zur Brust nehmen und du kommst diesmal mit.“,antwortete ich.

„Da muss ich erst Roger fragen. Ich weiß nicht, ob er was für uns nächstes Wochenende geplant hat.“,sagte Julia. „Du bist mit ihm zusammen?“ „Ja er ist so süß. Ich glaub, ich habe mich verknallt?“ Es wurde Zeit in die Klassenzimmer zu gehen, denn es war bald Unterrichtsbeginn. In der Pause schrieb Julia Roger und erzählte ihm von Hannas und Petras Erlebnissen in der Madrasa. Roger meinte: „Es ist gut. Gehe ruhig mit deinen Freundinnen zur Madrasa. Ich werde auch da sein.“

Dann ging sie zu mir und sagte mir, sie würde am Wochenende mitkommen. Entspannt sagte ich: „Ich brauche dich, bitte, es ist wirklich wichtig für mich, dich dabei zu haben. Erstens als Zeugin, wenn ich mit den Jungs abrechne und zweitens als Anker für meine unsterbliche Seele. Es hat mir richtiggehend Spaß gemacht, dieses Wochenende als Muslimah und ich weiß nicht warum. Das lässt mir einfach keine Ruhe, ich muss wissen, ob was mit mir nicht stimmt?“, sagte ich. „Wenn du dich einfach von denen fernhältst und einen großen Bogen um Marxloh machst, wäre dein Problem vielleicht gelöst.“ schlug Julia vor. „Was ist das für eine Journalistin, die vor sich selber weg rennt und aus Angst um ihre kleine Seele das Recherchieren aufgibt? Na?“ frug ich mit einem leicht genervten Unterton. „Eine geistig gesunde vielleicht?“,konterte Julia, um gleich in einem ruhigen Ton zu sagen: „Du hast vielleicht recht. Wir haben die ganze Woche zum Pläne schmieden. Ich glaub wir müssen uns beeilen, wenn wir noch am Unterricht teilnehmen wollen.“ Für mich war es eine seltsame Woche. Die Affinität zwischen mir und Petra wuchs mehr und mehr. Jeden Tag saßen wir für eine Stunde oder so nur zusammen und schwiegen. Wir fühlten uns geborgen und diese Nervosität in uns machte einer tiefen Ruhe Platz. Es war etwas Spirituelles, dass uns verband. Es gab keine rationale Erklärung. Wir konnten einfach nicht ohne einander. Zwischen mir und Julia hat sich etwas Trennendes geschoben. Julia hatte die ganze Woche kaum Zeit für mich. Ich glaubte, sie wäre bei Roger, doch, wie ich später erfuhr, saß sie zu Hause, wie es Roger ihr befohlen hatte.