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Hannah Böhm:

 

„Deine Eltern möchten dich sprechen, Schwester Kamila.“ las ich auf meinem Display. Sie gaben uns kleine Displays mit denen wir untereinander schweigend kommunizieren konnten.

So schrieb ich: „Wenn meine Mutter will, darf sie mich hier im Frauentrakt besuchen. Ermahnt sie bitte zu flüstern!"

Weinend stand sie vor mir und wir nahmen uns in die Arme, dann setzten wir uns. Sie flüsterte tatsächlich,ich bin so stolz auf dich,Mama, und sagte: „Wie seltsam du aussiehst mit dem strengen Kleid und dem Kopftuch, mein Kind.“,sagte sie.

„Du wirst dich daran gewöhnen müssen, Mama. Für mich beginnt morgen ein neuer Lebensabschnitt. Aber ich merke, wie gefasst du auf all das reagierst. Ich bin wirklich stolz auf dich.“

„Danke, Kind und wie geht es mit dir weiter?“

„Nun, morgen spreche ich die Shahada, mein Glaubensbekenntnis und dann möchte ich, bis ich mein Abitur bestanden habe, hier leben und mich in meinem neuen Glauben üben.“,sagte ich ihr.

„Liebes, ich will deinen Wunsch gerne respektieren. Nur könntest du bitte weiter zu Hause wohnen bleiben, wir vermissen dich so sehr.“ und Tränen kullerten von ihren Wangen.

„Was hälst du davon, du verbringst mit mir heute die Nacht in der Madrasa und feierst morgen mit uns meine Shahada. Ich bleibe an Wochentagen bei euch und verbringe meine Wochenenden hier mit dir oder ohne dich, so wie du es einrichten kannst, in der Madrasa?“

„Du meinst, ich soll an den Wochenden mit dir hier wohnen?“

„Ja, ich mache aus dir auch noch eine gute Muslimah.“

„Das werden wir ja sehen. Gut, ich sage Klaus Bescheid, dass ich heute nacht bei dir bleibe und er mir frische Sachen zum Schlafen bringen soll.“ „Schicke Papa nach Hause, wir haben hier alles. Er braucht dir nichts zu bringen. Es reicht, wenn er uns morgen nach meiner Shahada abholt.“ Während Mutter unterwegs war, schrieb die Niqaabi mir.

„Du hast das sehr gut gemacht, liebe Schwester. Wir werden die unsterbliche Seele deiner Mutter retten, auch sie wird bald die Freuden unseres Glaubens mit uns teilen. Allah wird dich segnen!"

Als sie zurückkam, sagte ich: „Ich möchte, solange du hier bist, dass du, wie es sich hier als meine Mutter und verheiratete Frau geziemt, dich verschleierst. Komm wir gehen ins Bad.“

Dort wurde sie von mir komplett als Niqaabi eingekleidet und ich bat sie sich auch morgen bei meiner Shahada zu verschleiern. Zu meiner Verwunderung lies sie alles stoisch mit sich geschehen. Dann führte ich sie zu meinem Platz und ich las ihr aus dem Koran vor. Sie lernte sehr schnell, mit Niqaab zu essen, auch alles andere ging ihr leicht von der Hand. Als wir uns zum Abend schlafen legten und ich ihr sagte:

„Wir schlafen im Schleier. Morgen früh duschen wir und ziehen frische Kleidung an. So sind wir immer korrekt gekleidet.“, war sie im ersten Moment geschockt, fügte sich dann sich jedoch in ihr Schicksal.

 

Rita Böhm:

 

Endlich erreichten wir die Madrasa. Wir standen wartend in der Eingangshalle, wir wurden vom Imam sehr freundlich empfangen. Er ließ sofort Hanna über unsere Ankunft informieren. Hanna bestellte ihrem Vater liebe Grüße und bat mich sie im Frauentrakt aufzusuchen. Ich sammelte all meine Kräfte, als ich einer vollständig Verschleierten zum Frauentrakt folgen musste. Dort sah ich sie. Sie trug ein weites boden-langes Kleid und ein streng gebundenes Kopftuch, dass ihr weit über die Schulter hing. Ich konnte nur ihre Augen, ihre Nase und ihren Mund erkennen, alles andere verschwand in seidigem Tuch. Doch ich wollte ihr nicht vor den Kopf stoßen und lächelte ihr unter Tränen zu. Sie lobte mich für mein Verständnis und mir wurde ganz warm ums Herz und alle Sorgen waren wohl nicht verflogen, aber sie drückten nicht mehr so schlimm. Schnell fanden wir zu einem konstruktiven Gespräch. Am Ende einigten wir uns auf einen Kompromiss. Ich werde heute in der Madrasa übernachten und morgen mit ihr ihre Shahada feiern. Sie hat mich sogar dazu gebracht mich zu verschleiern, wie es sich für eine verheiratete Mutter einer Muslimah gehöre, meinte sie. Ich weiß, wenn ich meiner Tochter entgegen komme, werde ich sie nicht verlieren und ich hatte mich wundersamer weise sehr schnell an den Schleier gewöhnt. Ich betrachtete mein Display in meinen schwarz behandschuhten Händen. Ich saß zusammen mit meiner Tochter Kamila und wir lasen auf den Displays die übersetzten Koranverse, die uns über Kopfhörer im Original rezitiert wurden. Ich fühlte mich tief verbunden mit ihr, es war wunderschön. Als wir uns zu Bett begaben, sagte sie mir, ich solle, wie sie voll bekleidet schlafen, am Morgen würden wir uns dann duschen und wieder neu einkleiden. So wären wir dreiundzwanzig Stunden immer korrekt gekleidet. Das war zuerst sehr befremdlich. Doch bald fiel ich mit meiner Tochter im Arm in einen friedlichen Schlaf.