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Jenny:

Schon seltsam, was da modisch angesagt war. Es war total in, sich schöne lange Kleider und Röcke vom Türken bei uns in unserer Straße, fertigen zu lassen und jedes war ein unverwechselbares und teures Einzelstück. Ein neues Bewusstsein für Qualität hatte sich immer mehr durchgesetzt. Nicht mehr sich alle drei Monate nach dem neuesten Modediktat neu einkleiden war angesagt, sondern sich mit weniger, aber dafür Schönem und Wertvollem zu kleiden, war angesagt. Speziell bei uns weniger Begüterten war das eine bessere Option, als in diesen hässlichen und ausbeuterisch gefertigten Discounter-klamotten herum zu laufen. Die Stimmung war allgemein viel ruhiger und die Menschen waren viel entspannter und optimistischer. Bei allen waren die Bilder von den, von Neonazis niedergeknüppelten muslimischen Friedensdemonstranten, noch gewahr und unsere Empörung war groß. Daher hatte ich mich damals den ‚Jungen Patrioten‘ angeschlossen. Unser Ziel war es ein Vaterland für alle Bürger in Deutschland zu schaffen, wie es schließlich im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gefordert wird. Es war erstaunlich, wie schnell der Nazispuk wieder in der Versenkung verschwand. Unsere Politdarsteller der etablierten demokratischen Parteien rochen Morgenluft. Es machte sich eine neue Aufbruchstimmung unter den Bürgern breit. Wir bekamen erstmals ein neues liberales Einwanderungsgesetz und ein effektives Gesetz gegen Volksverhetzung, welches die rassistischen Hetzereien schnell verstummen ließen.

Ich war damals ein süßer sechzehn-jähriger Teenager und suchte dringend einen Ausbildungsplatz. Mein Vater hatte uns im Stich gelassen und meine Mutter Lizzy war krank. Wir lebten von Hartz4, der deutschen Form der Sozialhilfe, mehr schlecht als recht. Und ich war in unserem Stadtteil nicht alleine arm.

So trafen wir ‚jungen Patrioten‘ uns regelmäßig im Bürgerhaus, um unsere Situation zu besprechen und soziale Hilfen für die Alten und Kranken zu organisieren.

„Hi, Jenny,was geht ab?“,begrüßte mich Achmed, als ich eintrat.

„Alles beim Alten und bei dir?“

„Habe gerade die zwei hundertste Bewerbung raus geschickt. Die Hoffnung stirbt zuletzt!“,sagte er.

Ich mochte die Art wie Achmed Probleme behandelte. Er ließ sich scheinbar durch nichts erschüttern.

„Aber ich hätte vielleicht was für dich!“, sagte er.

„Raus mit der Sprache!“,sagte ich.

„Mein Onkel Murad hat doch die Änderungsschneiderei in eurer Straße und er sucht ein Mädchen für Näharbeiten. Was denkst du, so als Übergangslösung, bis du was gefunden hast, ist das doch nicht schlecht, oder?“

„Ich kann doch gar nicht schneidern, aber ich würde es gerne lernen.“sagte ich und dachte:

„Egal was, Hauptsache was zu tun!“

„Lass uns nach der Sitzung einfach mal hingehen, okay?“,meinte er.

„Okay, warum auch nicht. Es kann nie schaden, wenn man sich bemüht!“

In der Sitzung diskutierten wir, wie wir den Rassismus in einigen Firmen bekämpfen konnten, denn wer von uns keinen deutschen Namen hatte, hatte es doppelt schwer einen Job zu finden, dessen Bewerbungen landeten sehr oft ungelesen in den Papierkorb. Beim Hinausgehen frug Achmed mich:

„Du weißt, dass wir Salafisten sind?“ Ich sagte:

„Wenn ich ehrlich bin, ich habe von eurer Religion keinen Schimmer. Erklär es mir, bitte.“

„Also, wir Salafisten sind streng gläubige Muslims. In Deutschland werden wir immer mit den Wahabiten verwechselt, dass sind die saudischen Terroristen, nicht wir. Wir glauben, dass Terrorismus eine schlimme Sünde ist. Ich sage dir das nur, weil mein Onkel von einem Mädchen erwartet, dass es sich sittsam kleidet und gehorsam ist.“

„Aber ich muss mich nicht verschleiern, oder?“ frug ich ihn ein wenig besorgt.

„Unsinn, benimm dich bescheiden und unauffällig und rede nur, wenn du gefragt wirst. Im Übrigen machst du mir eine Freude, wenn du drei Schritte hinter mir gehst!“,sagte er.

„Geht in Ordnung, mein Herr und Gebieter!“ sagte ich schelmisch und ich dachte mir im stillen, wenn ich schneidern gelernt habe, kann ich und immer etwas Geld verdienen und mir und anderen die schönsten Kleider machen. ‚Handwerk hat goldenen Boden‘ heißt es doch so schön!

Wir erreichten das Geschäft und traten ein. Diesmal kam ich nicht als Kundin. Wie wird Murad wohl reagieren? Achmed ging direkt zu seinem Onkel und begrüßte ihn, indem er ihm die Hand küsste und sie dann zur Stirn führte. Ich tat es zu Murads Erstaunen ihm gleich.

„Hallo, Jenny, wie komme ich zu dieser Ehre?“,frug er mich.

„Ich bemühe mich nur um korrektes Benehmen, damit ich bei dir das Schneiderhandwerk lernen darf.“,sagte ich darauf hin.

„Liebes, mit Handkuss begrüßen sich nur Verwandte. Bei uns geben Frauen fremden Männer niemals die Hand, aber danke für deine nette Geste und jetzt wollen wir es uns bei einer Tasse gutem Tee im Wohnzimmer gemütlich machen. Na, kommt schon!“

Ich kriegte eine knallrote Birne und war froh, dass ich den Männern folgen durfte, so konnten sie es nicht sehen.

„Selima, bring uns bitte Tee! Wir haben Gäste!“ rief Murad und forderte uns auf, uns zu setzen. Dann betrat eine Frau, gekleidet in türkisch, traditioneller Art, also langes,weites Kleid und weit ins Gesicht gezogenen Hijab, das Zimmer und reichte uns wortlos Tee und Gebäck und verschwand, wie sie gekommen war: wie ein lautloser Schatten. Ich war fasziniert. Schon bald sollte ich die Bezeichnungen Ruband, Abaya, etc. kennen lernen.

„Nun“,sagte Murad, „ich darf dich in Deutschland nicht ausbilden, da ich keinen Meistertitel habe, aber ich kann dich als Hilfskraft einstellen, auch so lernst du, wenn du willst, das Handwerk der Schneiderin. Wichtig ist mir allerdings, dass du dich sittsam kleidest und dich unserer Lebensweise anpasst.“

„Ich muss mich wie deine Frau Selima kleiden, oder?“ frug ich.

„Ja, wenn du Hijab und Abaya trägst reicht es mir. Selima, zeige Jenny bitte, wie sie sich zu kleiden hat.“,rief er nach ihr. Sofort erschien sie und winkte mir zu, ihr zu folgen.

„Hallo, Jenny! Ich freue mich, dich kennen zu lernen! Wenn du bei uns arbeiten darfst, werden wir uns bestimmt öfter sehen. So, lass uns gucken, was für für dein neues Outfit tun können. Dein Kleid ist wirklich hübsch, aber für unsere Ansprüche etwas zu offenherzig. Du hast es bei uns gekauft, stimmt‘s?“ Ich nickte nur und verwundert schaute ich Selima an, sie sah bei näheren Hinsehen definitiv nicht wie eine Türkin aus.

„Lass mich raten: du wunderst dich darüber, dass ich eine Deutsche bin, nicht wahr? Ja, ich habe einen sechzehn Jahre älteren Türken geheiratet und bin konvertierte Muslimah! Hier zieh bitte das hier an.“

Sie reichte mir einen Rock und eine Bluse. Der Rock war weit geschnitten und reichte mir bis zu den Knöcheln. Als ich mir dann noch die hüft- lange,weite Bluse mit langem Arm und Stehkragen überzog, war meine Figur nur noch Erinnerung. Selima band mein Haar mit einem schwarzen Schal, bis kein Härchen mehr zu sehen war. „Jetzt noch einen hübschen Hijab und du bist vorzeigbar! Es gibt verschiedene Techniken ihn zu binden. Ich zeige dir jetzt, wie du ihn bei uns trägst.“ Sie legte eine transparente, biegsame Plastikplatte in den Schal und faltete ihn zu einem Dreieck. So konnte sie, ihn mir weit ins Gesicht ziehen, ohne das der Stoff mir über das Gesicht fiel, es sah jetzt mehr wie eine Haube aus. Eine weite Überkopfabaya, das ist eigentlich nur ein Tuch mit einem Loch drin, die mir vorne bis über den Bauch und hinten über den Po ragte vervollständigte meine neue ‚Sittsamkeit‘.

„Wenn du den Kopf etwas gesenkt hältst, kann niemand mehr dein Gesicht sehen, bis auf deine Nasenspitze vielleicht.“

Wir stellten uns nebeneinander vor den Spiegel und ich sah zwei Zwillinge. Die Hijabhauben gaben uns ein etwas madonnenhaftes Aussehen, ich fühlte mich irgendwie unschuldig und unberührt, was ich eigentlich auch tatsächlich war.

Obwohl mir unter dem dichten Stoff ganz schön heiß wurde, fühlte ich mich seltsam wohl. Ich fand es okay, wenn ich so gekleidet, den Job bekomme sollte, dann ist das halt so.

„Du solltest dich ab heute nur noch so kleiden, dann wirst du dich am schnellsten daran gewöhnen. Am besten bringst du morgen früh deine Kleider von zu Hause mit. Ich zeige dir dann, wie du daraus muslimische Kleider und Schleier nähst, dass spart dir eine Menge Geld und du lernst gleichzeitig, wie man näht.“

Dann kehrten wir zu den Männern zurück. Wir besprachen noch einige Einzelheiten und gingen dann. Auf der Straße bemerkte ich erst, dass ich noch Selimas Kleider trug, aber Murad sagte:

„Ich schenke dir die Kleider, dann bist du morgen früh gleich ordentlich angezogen.“

Achmed begleitete mich noch netterweise nach Hause. Eine Muslimah, die drei Schritte hinter einem Mann durch die Straße geht und ich fand das irgendwie ganz in Ordnung. Seltsam? Habe ich eine neue Seite an mir entdeckt. Verwirrt folgte ich ihm, aber nicht ohne seinen knackigen Arsch zu bewundern.

„Was machen Sie in meiner Wohnung?“ schrie Lizzy mich an. Ich nannte meine Mutter immer beim Namen. Dann erkannte sie mich und ich glaubte zu hören, wie sich ihr Unterkiefer ausrenkte.

Gleichzeitig betrat unsere Nachbarin und Freundin meiner Mutter, Sandra, die Wohnung.

„Allah u akbar, Schleiereule!“,begrüßte sie mich und nahm mich in die Arme. Das war typisch Sandra! Ich habe sie noch in keiner Situation die Fassung verlieren gesehen.

Lizzy brauchte noch etwas Zeit, um sich zu fangen:

„Wie siehst du denn aus? Bis Karneval ist es noch ein bisschen hin! Oder was soll die Maskerade?“

Ich nahm auch sie in die Arme und drückte sie glücklich:

„Mama, ich habe einen Job! Ich kann ab morgen bei Murad, dem Schneider arbeiten.“

„Scheiße!“ war daraufhin der einhellige Kommentar.

„Wir machen uns jetzt erst mal einen Kaffee, dann erkläre ich dir die Hartz4-Regeln.“

Wie schon gesagt, mein Vater hatte sich vor Jahren aus dem Staub gemacht und hinterließ meiner Mutter einen Haufen Schulden und mich, ihr Töchterlein. Sie musste in der Zeit sehr hart kämpfen, um uns durch zu bringen und gleichzeitig die Schulden zu bedienen. Sandra war die einzige, die Lizzy und mir in der Not beistand. Als es danach aussah, dass wir über den Berg waren, brach sie zusammen und ist seit dem linksseitig gelähmt. Wir leben von Sozialhilfe, in Deutschland Hartz4 genannt, mehr schlecht als recht. Mutter erklärte mir dann, dass sobald ich Geld verdiene, der Hartz4-Satz gekürzt wird. Das heißt: man arbeitet und muss trotzdem an der Tafel anstehen, um die Reste der Wohlstandsgesellschaft als Almosen zu empfangen. Die Extrakosten, die durch die Erkrankung meiner Mutter entstanden, konnten wir so schon kaum noch stemmen. Alles wurde immer teurer. Scheiße! Ich muss mich morgen früh erst mal mit Murad unterhalten.