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Jenny:

Der Wecker klingelte. Es war sechs Uhr morgens und mein allererster Arbeitstag, so wahr mich Hartz4 ließe. Jetzt aber hoch und ab ins Bad und danach kleidete ich mich besonders sorgsam in meine neuen Kleider und Schleier: der weite Rock, der bis zu den Fußknöcheln reichte. Anschließend eine weit geschnittene Bluse mit Stehkragen und langen Ärmeln, welches vom Hals bis über die Hüften reichte. Weiter ging es mit einem schwarzen Kopftuch, welches nur noch das Gesicht von mir übrigließ. Anschließend lange, schwarze blickdichte Strümpfe. Jetzt war ich bis auf das Gesicht und den Händen vollkommen bedeckt. Dann zog ich mir den Hijab so über, wie Selima es mir gezeigt hatte. Das nächste Kleidungsstück war eine Überkopfabaya mit Butterflyärmeln. Damit die Ärmel nicht hochrutschen, musste ich die am Ärmel der Abaya befestigten Schlaufen über den jeweiligen Mittelfinger ziehen. Ein Hochrutschen der Ärmel wurde so effektiv verhindert. Sofort setzte wieder dieses seltsame Gefühl ein. Der dicke und schwere Stoff gab mir das Gefühl, als wäre ich beschützt. Unwillkürlich suchte ich auf meinem Spiegelbild nach dem kleinsten sichtbaren Härchen. Auch die Augenbrauen waren Haare, die es zu bedecken galt. Alles musste hundertprozentig stimmen. Ein kleines Gesichtsdreieck aus Augen,Nase und Mund sah mir im Spiegel entgegen. Zufrieden mit meiner Arbeit ging ich in die Küche, wo Lizzy und Sandra schon mit dem Frühstück auf mich warteten.

Sandra war sexuell, ich sag mal, flexibel veranlagt und da Lizzy, seit dem Debakel mit meinem Erzeuger, eher zurückhaltend auf männliche Gesellschaft reagierte, hatte sich eine kleine, aber feine Interessengemenschaft in meiner Familie ausgebildet. Sandra war wirklich eine tolle Freundin und wir liebten sie sehr. Beide waren für mich Freundinnen und Mütter.

Wie sie mich jetzt ansahen. In ihren Augen spiegelte sich der Stolz der Mütter auf die tüchtige Tochter, die ihre erste Arbeitsstelle antrat und das gleichzeitige Befremden, ob ihrer Bekleidung.

Ich ging zu ihnen und sie nahmen mich in die Arme.

„Macht euch keine Sorgen. Alles wird gut. Ich rede gleich mit Murad. Wir werden schon eine Lösung finden.“

„Ach, Kind, du bist erst sechzehn und musst schon so schwere Entscheidungen treffen. Du solltest dich amüsieren und Spaß haben.“

„Hört mal, ihr seid meine Mammies, euch etwas von dem zurück zu geben, was ihr mir alles geschenkt habt, ist für mich der größte Spaß, den ich mir vorstellen kann.“,sagte ich mit einer gehörigen Portion Ironie in der Stimme und einem schelmischen Grinsen.

Wir heulten zusammen eine Glücksrunde, dann schnappte ich mir meinen Koffer, in dem die Sachen waren, die ich um schneidern wollte und machte mich auf den Weg.

Schön, wenn dann die Arbeit da ist, wo man auch wohnt. Pünktlich um sieben stand ich an dem Hintereingang, um von Selima eingelassen zu werden. Ich erkannte sie zuerst gar nicht, denn sie trug einen weißen, seidenen und sehr langen Schleier vor dem Gesicht. Wo ihre Augen hätten sein können, waren Blumen ein gestickt, durch denen sie wohl sehen konnte.

„Komm rein, Liebes! Oh, wie schön! Ich sehe, du hast Kleider zum Umnähen mitgebracht.“ begrüßte sie mich.

Sie nahm mich in den Arm und rieb mit ihrer Stirn an meine Schläfen. Es war ein tolles Gefühl, wie sich Stoff an Stoff rieb. Dann tat ich es ihr gleich. „Warum trägst du diesen seltsamen Schleier? Ich kann dich ja gar nicht mehr sehen.“ frug ich.

„Dieser Schleier nennt sich Ruband und wird in der Region aus der Murad stammt von den gläubigen Muslimahs getragen, wenn sie den Frauenbereich verlassen. Vielleicht möchtest du es mal ausprobieren.“ frug sie mich.

„Nein, danke, Selima! Das ist mir dann doch etwas zu viel Islam an einem Tag. Hör mal, wenn Murad Zeit hat, möchte ich noch gerne etwas mit ihm besprechen.“

„Jenny komm zu mir. Ich bin im Büro.“ rief Murad.Ich rief nur zurück: „Hartz4!!!!“

„Das hatte ich mir schon gedacht. Wenn du hier arbeitest, streichen diese sozialen Mitmenschen euch die Hilfe. Dir ist klar, dass du bei mir nur höchstens etwas dazu verdienen kannst. Was hältst du von einer Bezahlung in Naturalien?“

„Wie, bitte, das ist nicht dein Ernst! Ich bin keine Hure!“ sagte ich empört. „Bei Allah, nein! Du hast mich vollkommen falsch verstanden! Ich meinte richtige Nahrungsmittel!“,er wurde knallrot und Selima konnte sich vor Lachen kaum mehr halten. Da musste ich auch lachen und kurze Zeit später fiel er mit uns in ein befreiendes Lachen mit ein.

Ihr Sinn für eine spezielle Art des Humors traf ganz und gar meinen Geschmack. Ich konnte mich wie zu Hause fühlen. Und ich begann die beiden lieb zu gewinnen.

„Pass auf! Ich mache einmal die Woche für Selima und mich einen Großeinkauf. Ab jetzt mach ich ihn auch für euch mit. Das sind dann locker fünf- bis sechshundert Euro im Monat, die ich dir und deiner Mutter zukommen lassen kann. Was hältst du davon?“ Mir kamen die Tränen und ich sagte:

„Ich kann doch überhaupt nichts und ihr wollt uns so großzügig helfen! Das ist doch viel zu viel!“

„Also, Fräulein! Wer ist hier der Chef? Na? Antworte!“

„Du!“,antwortete ich kleinlaut. Selima umfasste mich von hinten und sagte: „Für uns Muslime ist es eine heilige Pflicht zu helfen. Es bringt uns dem Paradies ein Stückchen näher und wir zeigen Allah dadurch unsere große Liebe zu ihm.“

„Nach dieser Logik müsstet ihr mir danken, dass wir uns von euch helfen lassen.“,sagte ich frech und:

„Danke, ihr seid wirklich unglaublich! Ich möchte mich bei eurem Allah bedanken, dass ich euch begegnet bin.“,sagte ich dann tief bewegt. „Erzähle es wirklich niemandem, was wir abgemacht haben, auch nicht Achmed. Ich gehe heute abend mit zu dir nach Hause und bespreche alles mit Lizzy und Sandra. Die Behörde könnte uns aus unserem Deal sonst noch einen Strick drehen. Sie könnten mir sogar den Laden schließen.“

Ich dachte noch: „Woher kennt er Sandra?“

„Natürlich, nur wenn wir uns schon selbst bei Lebensmittelgeschenken strafbar machen sollten, dann frage ich mich, wer oder was ich für diesen Staat eigentlich bin? Ein Schmarotzer, oder was?“ sagte ich stinksauer. Murad schaute mich sehr ernst an und sagte:

„Du beginnst zu verstehen und ich will dir helfen, deinen dir zustehenden Platz in dieser Welt einzunehmen. Inshallah! Geh jetzt mit Selima in den Wohnbereich. Dort kann sie dich, ohne sich zu verschleiern, an der Nähmaschine ausbilden.“

„Komm, ich möchte dir zuerst unser Haus zeigen.“ Sie führte mich in das großzügig geschnittene Wohnzimmer, dass ich ja schon kannte, von dort betraten wir einen üppigen Wintergarten mit einem Springbrunnen in der Mitte. Dann zeigte sie mir ihr eigenes Zimmer oder besser gesagt Appartement. Hier fehlte es an nichts. Sie hatte sogar eine Toilette, eigenes Bad, eine kleine Kochnische und ein separates Arbeitszimmer. Hier stand auch die Nähmaschine, an der ich ausgebildet werden sollte. Selima nahm ihren Ruband ab und hängte ihn in den Schrank. Dann machten wir meinen Koffer leer. Sie sortierte meine Klamotten und reichte mir meinen Winterrock.

„Ich zeige dir jetzt, wie man Nähte aufschneidet, ohne den Stoff zu zerstören.“

Die nächsten Wochen lehrte sie mir alles, was ich für meine Arbeit wissen musste. Meine selbst gefertigte, kleine Kollektion lag bald vor mir. Ich trug einen Hijab, den ich aus meinem bunten Sommerrock gefertigt hatte. Darüber zog ich eine Überkopfabaya. Ich hatte sie besonders weit und lang ausgelegt, damit ich bis auf mein Gesicht vollständig bedeckt war. Mich sittsam zu bedecken, war für mich so selbstverständlich geworden wie Zähne putzen. Ich lernte fünfmal am Tag die Gebete zu sprechen und las den heiligen Koran auf deutsch. Da während der Gebetszeiten die Arbeit ruhte, konnte ich dreimal am Tag mit meinen Freunden beten.