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Sandra und Lizzy:

„He! Lizzy, was guckst du so nachdenklich?“ frug Sandra besorgt.

„Ich mache mir Sorgen um Jenny! Wie sie da in ihrer Moslemkluft so vor uns stand, gingen mir seltsame Gedanken durch den Kopf!“ ,sagte Lizzy. „Mir auch! Nur – hast du dich schon mal richtig umgesehen, wie sich alles verändert hat. Sandra hatte Lust auf's Lamentieren:

1989 fiel die Mauer und der Kommunismus und wir waren da so alt, wie Jenny heute. Kannst du dich noch an das Lebensgefühl und unsere Träume erinnern. Wir wollten ein emanzipiertes und selbstbestimmtes Leben und hätte uns jemand ein Leben mit Hartz4 prophezeit, wir hätten ihn ausgelacht. Wir studierten und träumten, wie selbstverständlich von einer beruflichen Karriere. Und was ist daraus geworden? Lass uns hoffen, dass Jenny es einmal besser ergeht. Ich glaube, es wird für uns noch ganz schön schwierig werden, mit den Veränderungen, die die Welt für uns noch bereit hält, Schritt zu halten.“ ,lamentierte Sandra in ihrer gewohnt lehrerhaften Politliturgie.

„Oh, eine Nachricht von Jenny!“

- Bitte das Klo putzen! Bringe heute Abend meinen neuen Chef mit!-

„Immer wieder süß, unsere Kleine! Komm, lass uns das Klo putzen und vielleicht auch etwas zum Abendessen vorbereiten. Wir kriegen scheinbar hohen Besuch!“ lachte Sandra und Lizzy stimmte, jetzt etwas entspannter, mit ein.

„Aber vorher lass uns die Früchte unserer Arbeitslosigkeit ernten und Spaß haben. Lass uns die Bettdecken noch ein wenig aufschütteln!“ meinte Sandra und schaute begehrlich auf ihre Freundin.

„Wie du doch immer weißt, was mir gut tut, liebste Freundin!“ Und so gingen sie, um sich von dem Nutzen der Bettgarnituren zu vergewissern.

 

Am Abend

Selima lehrte mich mit Geduld und Hingabe zum ersten mal mein neues Handwerk. Es war richtig interessant zu sehen, wie aus einem Stofffetzen ein Kleidungsstück entstand. Zwischendurch ließ sie die Arbeit ruhen und betete dann. Da ich nichts besseres zu tun hatte, kniete ich mich neben sie. Dafür wurde ich von ihr mit einem warmen Lächeln belohnt.

„Es war schön zu sehen, dass du dich bei meinem Gebet zu mir gekniet hast. Wenn du möchtest, lehre ich dich unsere Gebete. Es wäre schön mit dir zusammen zu beten.“

„Unterbrichst du immer die Arbeit, um zu beten?“ ,frug ich sie.

„Ja, wir Moslems beten fünfmal am Tag zu festgelegten Zeiten.“ sagte sie. „Ich bin dabei, wenn du willst? Man kann gar nicht genug lernen!“ sagte ich. Ich war wirklich neugierig auf diese fremde Religion. Dann gingen wir wieder an die Arbeit und bei der nächsten Pause unterwies sie mich in den rituellen Waschungen und meine ersten arabischen Worte lernte ich zum Lobe Allahs. Bald war es Zeit mit der Arbeit für heute aufzuhören und sich auf den Heimweg zu machen. Selima und ich setzten uns ins Wohnzimmer, um noch einen Tee mit Gebäck zu uns zu nehmen und um auf Murad zu warten. Es war total entspannend mit Selima zu plaudern, doch nach etwa einer halben Stunde wurde ich etwas ungeduldig. Selima flüsterte mir zu:

„Er lässt dich mit Absicht warten. Er will wissen, wie geduldig du bist. Tue ihm nicht den Gefallen ungeduldig zu werden und entspanne dich. Bei türkischen Männern hilft manchmal nur Sturheit. Gewöhne dich daran, wenn du hier weiter arbeiten willst.“

Seltsam! Ich fühlte mich in der Rolle, der geduldig wartenden, der sich unterordnenden Frau immer wohler. Es gefiel mir, diese alles verhüllende Kleidung zu tragen und drei Schritte hinter einem Mann zu gehen und mir dabei seinen Knackarsch anzuschauen, machte mich richtig wuschig.

Gott oder besser Allah! Ich war damals gerade erst sechzehn Jahre alt. Ein unbeschriebenes Blatt. Und ich war so glücklich, dass diese Menschen mir so liebevoll die Hand reichten und mir halfen meine Bestimmung im Leben zu finden. Endlich erbarmte sich Murad und erfreute uns mit seinem Erscheinen.

„Ich hoffe Jenny, die Zeit ist dir nicht zu lang gewesen, aber ich musste noch dringende Anrufe tätigen.“ ,sagte er.

„Aber nicht doch! Wir haben uns die Zeit mit einem kleinen Frauenschwätzchen vertrieben.“erwiderte ich.

„Gut, dann lass uns gehen! Es ist ja nicht weit. Bitte bedecke dich, Selima!“ Selima bedeckte sich mit einem Ruband und dann traten wir, Selima mit einem Tablett in den behandschuhten Händen auf die Straße. Während wir dem Chef in gebührenden Abstand folgten, betrachtete ich Selima. Dieses Stück Stoff vor ihrem Gesicht schien für mich alles zu verändern. Schlagartig wurde aus einer lieben Freundin eine gesichtslose Frau.

„Stört es dich, dass ich mitkomme oder warum schaust du so verwundert?“ frug sie.

„Nein, dieser Ruband macht alles so mysteriös. Einerseits muss ich mir sagen, dass du es darunter bist und andererseits finde ich es gut, dass du dich bedeckst. Ich bin wohl ein wenig mit der Situation überfordert. Verzeih mir, dass ich dich anstarrte.“

Unsere kleine Prozession, Murad voran, näherte sich meinem Mietshaus. Anstatt mich aufschließen zu lassen, klingelte er bei meiner Mutter.

„Ja bitte! Wer ist da?“ klang es aus der Gegensprechanlage.

„Hier ist Murad Arslan! Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen, Frau Wiesner.“ ,sagte Murad. Der Türöffner summte und wir traten ein. Während wir die Treppe zum zweiten Stockwerk hoch gingen, wurden wir im Treppenhaus von Sandra und Lizzy neugierig erwartet. Wir mussten für sie schon ein seltsames Trio abgeben: Ein Türke mit einer ganz und einer halb-verschleierten Frau im Gefolge kamen die Treppe hoch.

„Willkommen, treten Sie bitte ein.“ ,sagte Sandra, wie immer die Handlung an sich reißend.

„Wir kennen uns ja schon, Herr Arslan, und ich nehme an, die verschleierte Dame in ihrer Begleitung ist ihre Gattin, nicht wahr?“

„Ja, das ist meine Frau Selima.“

„Hallo, Selima! Ist es Ihnen recht, wenn wir uns unter Nachbarn duzen, Herr Arslan.“,frug sie.

„Sicher, ich heiße Murad und ihr heißt Sandra und Lizzy, nicht wahr? Selima hat als kleines Geschenk einen Kuchen gebacken.“ Sandra führte unseren Besuch ins Wohnzimmer.

„Sind hier noch fremde Männer oder erwarten sie noch welche?“ ,fragte Selima. Als es verneint wurde, legte sie ihren Schleier ab. Meine Mammies staunten nicht schlecht, als ihnen ein verdammt hübsches, deutsches Gesicht zulächelte.

„So ist es für mich viel bequemer und für euch bestimmt auch angenehmer anzuschauen, nicht wahr?“,frug sie.

„Ja, ich bin konvertiert und gebürtige Deutsche, um eure fragenden Blicke zu beantworten.“ lachte sie und meine Mammies lachten auch, das Eis zwischen ihnen war gebrochen. Dann wurde das Essen aufgetragen und ich muss sagen, die Mädels hatten da schon was Ordentliches zustande gebracht. Nach dem Essen wurde dann von Murad erklärt, wie er meine Arbeit vergüten wolle. Nicht ohne den Protest meiner Mammies:

„Aber es ist schon so großzügig von dir, dass du Jenny in einem Handwerk ausbildest und wir sind auch so immer gut zurecht gekommen!“ sagte Lizzy.

„Ich bin Jennys Chef und das Kind arbeitet bei mir nicht umsonst, dass bin ich mir selbst schuldig! Entweder ihr akzeptiert oder wir lassen es ganz bleiben.“

Diesen Ton kannten meine Emanzen-Mammies noch von keinem Mann. kleinlaut gaben sie bei. Und auch mir gab es ein gutes Gefühl, einen Mann der Klartext sprach, in unserer Runde zu haben. Ich ahnte, wie ein richtiger Mann einer Familie gut tun konnte. Dann aßen wir etwas von Selimas leckeren Kuchen und tranken Tee. Es wurde noch ein sehr schöner und fröhlicher Abend.