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Aleyna Meiser:

Sechs Monate später Das Treffen mit den ‚jungen Patrioten‘ war sehr aufschlussreich. Ich hatte mir zur Verstärkung meine Stieftochter Samira mitgebracht. Sie hatten sehr viele gute Ideen und auch wir brachten unsere Erfahrungen mit ein. Sie sind in der Mehrzahl normale westlich orientierte Jugendliche, die von den Auswirkungen des Hartz4-Dilemmas voll betroffen sind. Ich glaube, ihre Dynamik wird auch meinen Jugendlichen mehr Ansporn geben. Denn ihre Wut war überall in ihren Äußerungen zu spüren. Wir haben uns darauf geeinigt, die nächsten Treffen aus Platzgründen in unserer Madrasa stattfinden zu lassen. Die Aussicht von der Bruderschaft in ihrer beruflichen Karriere unterstützt zu werden, war groß. So trennten wir uns und freuten uns auf ein baldiges Wiedersehen. „Du, Mama, wo wir gerade in der Nähe sind, lass uns noch die Arslan besuchen. Jenny hat jetzt da ein eigenes Apartment, das muss ich sehen und auch Selima freut sich bestimmt dich wieder zu sehen.“

Wenn sie mich Mama nennt, geht mir das Herz auf. Dass ich nach einem beschissenen Leben, voller Hass, doch nochmal so geliebt werden konnte, dafür werde ich Allah ewig danken. Nach all den einsamen und verzweifelten Jahren durfte ich endlich am wirklichen Leben teilnehmen!

Samira war an Ruband und weniger an Jennys Apartment interessiert. Aber was soll‘s? Ein bisschen Smalltalk mit Selima bei einer Tasse Tee, kam mir gerade recht. Ich simste ihr:

„Bin mit Samira in der Nähe. Würde dich gerne besuchen,okay?“

„Ich freue mich!“ antwortete sie. Wir machten uns auf den Weg und als wir nach fünf Minuten am Hintereingang ankamen, warteten Selima und Jenny, beide bis zur Unkenntlichkeit verschleiert, schon auf uns. Sie baten uns herein zu kommen und wir gingen direkt in den Frauenflügel. Dort entledigten sie sich ihrer Ruband und Handschuhe und wir begrüßten uns ausgiebig.

„Jenny, trägst du jetzt immer Ruband?“ ,frug Samira.

„Ich heiße jetzt Gadi und bin konvertiert. Ja ich trage meinen Ruband jetzt immer außerhalb des Frauenflügels.“ ,sagte sie.

„Du Glückliche! Wir Mitglieder der Bruderschaft dürfen aus politischen Gründen unsere Gesichter nicht mehr verschleiern.“,sagte ich mit etwas Wehmut.

„Es dient einem höheren Zweck, also wollen wir uns nicht beschweren!“ „Setzt euch, meine lieben Freunde und lasst uns Tee trinken.“,forderte Selima uns auf.

„Ich bin fürchterlich neugierig auf Jennys, äh ich meine Gadis Apartment. Macht es euch etwas aus, wenn ich mich mit Gadi in ihr Zimmer verziehe?“ log Samira.

„Nein, geht nur. Ihr würdet euch mit uns doch nur langweilen.“,sagte Selima.

 

Gadi und Samira:

Samira sagte: „Das ist aber ein hübsches Apartment!“

„Nicht wahr! Du wirst nicht glauben, wie hübsch erst meine Ruband sind!“ neckte Gadi und beide lachten wissend.

„Gehe zum Schrank und bediene dich.“,sagte sie. Das ließ sich Samira nicht zweimal sagen. Sie nahm sich einen nach den anderen und war begeistert. „Nicht einer gleicht dem anderen und allen sieht man an, dass nur du sie gemacht haben kannst. Du hast wirklich ein unglaubliches Talent.“sagte Samira. „Was sagst du, soll ich den grünen oder den lachsfarbenen anprobieren? Der grüne ist wunderschön, aber der lachsfarbene hat so ein dezentes Rosa und die weißen Strasssteine machen ihn irgendwie zu etwas ganz besonderem.“ Als Gadi ihr noch passende Handschuhe dazu reichte, fühlte sich Samira wie im Himmel.

„Na komm schon, zieh es an und dann gehen wir runter zu den Frauen.“ Und wieder verschwand Samira, um einem neuen, exotischen Wesen Platz zu machen. Wie ein Geist schwebte sie zu den Frauen ins Wohnzimmer. Beiden Frauen blieb die Spucke weg, als sie diese majestätische Erscheinung sahen. Selima fing sich zuerst und fragte:

„Gadi, Schatz, hast du das genäht? Das ist unglaublich schön! Wann hast du das gemacht?“

„Nachts, wenn alle schliefen. Es freut mich, wenn dir meine Arbeit gefällt.“ Selima sagte:

„Schnappe dir deinen Ruband, wir müssen das unbedingt Murad zeigen.“ Sie gingen nach unten und Selima rief:

„Murad, kommst du bitte einmal. Ich möchte dir etwas zeigen.“

„Was ist denn, oh wir haben Besuch, willkommen Aleyna und wer ist die Dame in diesem unglaublich schönen Gewand?“

„Ich bin es, Samira, Aleynas Tochter.“

„Ich grüße auch dich, Samira. Selima, was ist denn so besonderes?“

„Siehst du es nicht? Schau dir den Ruband mal genauer an. Er ist ein Traum!“,sagte Selima.

„Du hast Recht, bei genaueren Hinsehen, er ist wirklich etwas besonderes. Wer war der Künstler?“

„ Gadi hat sich die Nächte um die Ohren geschlagen und dieses Kunstwerk geschaffen.“ ,sagte Selima.

„Samira, gehe bitte mal auf und ab. Es scheint als würde der Schleier sich mit jeder Bewegung etwas verändern.“ ,meinte Murad.

„Fantastisch, hast du noch mehr Ruband genäht?“

„Sie hat in ihrem Apartment mindestens noch zehn andere.“ fiel ihr Samira ins Wort.

„Ich will alle sehen. Wir machen einen Catwalk. Wenn du Lust hast? Mach mit ,Aleyna.“ ,sagte er. Die Frauen verschwanden, um dann einzeln vor Murad auf zu laufen, der ihnen Anweisungen gab, welche Bewegungen sie machen sollten. Als er alles gesehen hatte, sagte er:

„Jeder Ruband ist anders und doch erkenne ich die Handschrift einer Künstlerin. Gadi du bist mit einer fantastischen Gabe gesegnet, Lob sei Allah!“

Gadi wurde alles zu viel. Sie rannte in ihr Zimmer. Samira sagte:

„Die Ärmste, dass war vielleicht etwas zu viel auf einmal. Ich kümmere mich um sie!“ und ging.

Seltsam berührt setzten sich die Frauen und Murad und warteten geduldig. Dann kamen sie zurück.

„Entschuldigt, aber ich habe nur Ruband geschneidert, wie ich glaubte, wie sie aussehen müssten. Ich fühlte mich von eurer Begeisterung irgendwie überfahren. Ihr glaubt wirklich, dass meine kleine Arbeit so etwas besonderes ist? Ich würde mich freuen, wenn ich jeder von euch Frauen einen Ruband schenken dürfte. Der lachsfarbene ist allerdings für Samira reserviert!“

Aleyna und Selima behielten den, den sie schon an hatten. Samira stürzte sich auf Gadi und umarmte sie heftig. Dann lief sie nach oben, um sich ihren Schatz zu sichern. Dann war es Zeit für Aleyna und Samira aufzubrechen. Sie versprachen sich ein baldiges Wiedersehen und dann fuhren sie fort.

 

Lizzys Glück

Jetzt arbeite ich schon fast ein Jahr als Schneiderin für Murad Arslan. Ich habe meine Bestimmung gefunden. Seine Frau Selima, meine Chefin und beste Freundin ist voll des Lobes. Das Auftragsbuch ist randvoll. Es arbeiten seit einigen Monaten noch zehn Aushilfen hier und ich habe nun eine sehr gut honorierte Festanstellung und bin offiziell von zu Hause ausgezogen und habe meinen Wohnsitz bei Arslan.

- Um die Hartz4-Bezüge meiner Mütter nicht zu gefährden, sind solche hirnlosen Klimmzüge unvermeidbar. Armut genießt hier, wie überall eine gewisse ‚Wertschätzung‘ seitens unserer Behörden. -

Zumal ich heute scheinbar eine Künstlerin bin. Meine Ruband werden international geordert und praktisch als besonderes Event auf Moden-schauen vorgeführt. Ich bin sehr stolz darauf, aber ich bin nur bereit noch mehr Modelle zu fertigen, wenn meine Anonymität gewahrt bleibt. Die Arbeit fällt mir sehr leicht. Ich mache Zeichnungen und lasse die Ruband vor fertigen. Ich selbst gebe ihnen dann den letzten Schliff. Ich bin vor circa einem halben Jahr zum Islam konvertiert und nenne mich jetzt Gadi, d.h. mein Glück, und bin in der Öffentlichkeit voll verschleiert, ich trage natürlich einen Ruband. Lizzies Begeisterung darüber hält sich bis heute in Grenzen und Sandra äußerte gewisse Bedenken; sie meinte, dass ich es vielleicht ein wenig übertreibe. Komisch! Jeden Freitag rennen sie in Hijab und Abaya bekleidet, in die Moschee zum Gebet und danach verbringen sie den ganzen Tag in der Madrasa.

„Es tut so gut, einmal in der Woche beim Gebet zu entspannen und danach sich mit unseren Freundinnen in der Madrasa zu verabreden und vor allen Dingen ist alles kostenlos.“,sagten sie. Sie hatten ja recht. Wenn man von Stütze lebt und arm ist, hat man nur wenig Möglichkeiten sich zu amüsieren. Nein! Sie hatten sich schon sehr verändert. Man konnte merken, wie entspannt sie jetzt waren: Lizzy war nicht mehr so eine Heulsuse, die bei jeder Gelegenheit jammerte und Sandra verlor immer mehr ihre Aversionen gegen ihre Mitmenschen, sie wurde freundlicher und umgänglicher. Sandras Sarkasmus wich von mal zu mal einer feinen Ironie. Ibrahim Arslan hatte gegenüber meiner Mutter angedeutet, dass in den ägyptischen Kliniken der Bruderschaft verschiedene Lähmungen schon geheilt worden seien. In Berlin wurde gerade ein neues Klinikum der Bruderschaft eröffnet und wenn sie möchte könnte sie sich dort kostenlos untersuchen lassen. Als ich das auf der Arbeit erzählte, bot Murad sofort an, die Reisekosten nach Berlin zu übernehmen. Wie jeden Nachmittag nach Feierabend machte ich mich auf den Weg zu meinen Mammies. Sorgfältig legte ich mir meine Abaya an, fixierte alles mit meinem Ruband. Nachdem ich genauestens kontrolliert hatte, dass ja kein Stückchen nackte Haut zu sehen war, zog ich mir noch die Handschuh über und machte mich auf den Weg .

„Lizzy, Sandra! Ich bin es!“,rief ich als ich die Wohnung betrat. Bei den beiden konnte man nie wissen, ihr wisst schon was ich meine! Dann ging ich direkt in die Küche und setzte Teewasser auf.

„Es ist kein fremder Mann da. Du kannst deinen Schleier ablegen.“, sagte Sandra und ging zur Kaffeemaschine. Unsere ‚Intellektuelle‘ trank literweise Kaffee, selten Tee und sie rauchte wie ein Schlot, aber nur auf dem Balkon. Ich nahm sie in den Arm und drückte meinen geliebten ‚Aschenbecher‘ herzlich. Als ich mich in der Garderobe meiner Schleier entledigte, kam auch schon Lizzy, um mich zu begrüßen.

„Ich habe gute Nachrichten für dich, aber lass mich erst meinen Tee genießen!“ ,sagte ich. Als wir es uns gemütlich gemacht hatten. Ich hatte meinen Tee getrunken und Sandra kam mit leerer Kaffeetasse vom Balkon, erzählte ich.

„Also, Murad sagt, du fährst sofort nach Berlin, er übernimmt die Reisekosten für euch beide. Er hat euch schon einen Hotelplatz bei einen seiner Verwandten in Berlin gebucht. Er meinte, wenn ihr euch pikiert Geschenke anzunehmen wird er euch den Hintern versohlen. Basta!“

„Na, mir hat schon lange kein Mann mehr den Hintern versohlt, könnte mal wieder richtig nett sein!“,typisch Sandra.

Ich sagte: „Es ist schon alles vorbereitet. Ihr fahrt Montag morgen um 8:00 Uhr mit dem Intercity nach Berlin und sie erwarten sittsame Kleidung; also Hijab und Abaya sind Pflicht! Okay?“

Sie hatten sich wirklich sehr verändert. Früher hätte ich es nie gewagt, so mit ihnen zu reden. Allein ihnen vorzuschreiben, was sie anziehen sollten, hätte zu massiven Streitereien geführt. Jetzt schienen sie sich darüber zu freuen, dass ihnen gesagt wurde, was sie zu tun hatten. Dann verschwanden sie in die Küche, um für uns zu kochen.

Ich wollte nicht allein im Dunkeln zurück in mein kleines Apartment gehen, deshalb verließ ich sie schon früh nach dem Essen. Denn im Winter wurde es früh dunkel. Eigentlich sollte ich als gute Muslima nur in Begleitung auf der Straße sein, aber es sind doch nur hundert Meter. Ich wusste, dass ich mir keine Sorgen machen musste, denn ich stand in unserer Straße unter dem Schutz der Bruderschaft, Allah segne sie. Ich will euch von einem kleinen Vorfall erzählen:

Ich war, wie üblich nach meinem Besuch bei meinen Mammies, auf den Weg nach Hause – es dämmerte schon - , als ein Cabriolet neben mir langsam herfuhr und junge Typen meinten mich beleidigen zu müssen: „He, Schleiereule! Willst du ficken. Ich fick dich in deinen Moslemarsch...“ und so weiter. Ehe sie sich versahen, waren sie von meinen Brüdern mit ihren Wagen eingekeilt. Ich musste sofort in einen ihrer Wagen einsteigen, um weggeschafft zu werden, doch ich sah noch wie einige kleiderschrankförmige Brüder sich den Idioten ‚liebevoll‘ widmeten, bevor wir um die nächste Kurve bogen. Ich musste mir zwar noch eine kleine Strafpredigt anhören, dass eine anständige Muslima allein nichts auf der Straße zu suchen hätte, aber sie wussten, wer ich war und tolerierten meine Angewohnheiten. Es ist wirklich ein gutes Gefühl sich immer beschützt zu wissen.