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Erster Tag im Klinikum:

Lizzy:

Als Sandra mit Schwester Nur das Empfangszimmer verließ und ich alle Dokumente unterzeichnet hatte, betrat eine weitere Schwester den Raum. „Das ist Schwester Banu, sie wird sich ab jetzt um dich kümmern, Lizzy.“,sagte Fatima.

„Willkommen in unserer Klinik, bitte folge mir, Dr. al Gossarah wartet schon auf dich.“, begrüßte mich Banu.

„Denk daran zu schweigen, wenn wir den Empfang verlassen!“

Ich nickte und folgte ihr. Wir mussten in die oberste Etage und Banu fragte flüsternd:

„Kannst du mit deiner Behinderung Treppen steigen?“ Ich nickte wiederum. Ich sah auf der rechten Seite des Ganges ein Hinweisschild auf einen Aufzug, doch Banu ging daran vorbei und wir betraten das Treppenhaus. Ich musste ihr sieben Etagen hoch folgen. Auf dem beschwerlichen Weg brauchte ich in der vierten Etage eine kleine Pause.

„ Bis du wieder gesund bist, werden wir zusammen noch viele Treppen steigen, die Aufzüge sind für die Ärzte reserviert und sollen nur in Notfällen von uns benutzt werden.“, flüsterte sie.

Ich nickte, wie immer und schwieg, um Puste zu sparen. Endlich hatten wir unser Ziel erreicht und standen vor einer soliden Eichentür. Banu drückte den Türknopf dreimal. Dann schob sie mich mit dem Gesicht zur Wand, stellte sich neben mich und dann warteten wir. Nach einer gefühlten Ewigkeit rasselte der Türöffner und Banu drückte die Tür auf und wir betraten den Raum. Raum? Das war stark untertrieben. Er war riesig und vom feinsten eingerichtet: ein Traum von ‚Tausend und eine Nacht‘. Direkt neben der Tür lagen Kissen auf denen ich mich knien musste und wieder hieß es: warten. Schlussendlich betrat ein etwas korpulent wirkender, kleiner Mann den Raum.

„Herzlich Willkommen, Lizzy! Ich bin Dr. Halim al Gossarah und dein behandelnder Arzt.“ sagte er.

„Heute werde ich zuerst ein informatives Gespräch führen. Die Thematik ist sehr komplex, daher bitte ich dich mir gut zuzuhören. Schwester Banu ist Ärztin. Sie wird dir später deine Fragen beantworten.“ Dann folgte eine für mich - aber bestimmt nicht für dich, werter Leser – sehr wichtige Erläuterung, der geplanten Behandlungen.

„Das wäre es erstmals von meiner Seite. Die Voruntersuchungen wird Schwester Banu jetzt übernehmen. Wir sehen uns dann morgen wieder.“

Er ging und schnell erhob ich mich und folgte Schwester Banu in ihr Untersuchungszimmer. Sie stellte mich komplett auf den Kopf und am Ende war ich fix und fertig und sehnte mich nur noch nach einem Bett.

 

Sandra:

Es wurde noch ein sehr schöner Nachmittag. Ich wurde von den Schwestern und den Patientinnen sehr freundlich empfangen. Nachdem ich von ihnen etwas zu trinken und zu essen bekommen hatte, führten wir ausgiebige Gespräche. Ich erfuhr, dass man auf eigenen Wunsch hin, sich mit experimenteller Medizin behandeln lassen kann. Aber was das genau bedeutete, wollten oder konnten sie mir nicht sagen. Sie verwiesen mich bei Fragen an die Ärztinnen, die mit uns im Frauenflügel wohnten, die aber für uns erst spät erreichbar waren, da sie bis spät in den Abend Dienst hatten.

Endlich kam Lizzy in Begleitung ihrer Ärztin Banu. Ich hatte für sie in der Küche etwas zu essen vorbereitet. Sie war total erschöpft, aß einige Happen, trank ihren Tee und ging zu Bett. Es war ein langer Tag und ich folgte ihrem Beispiel. Es war ein komisches Gefühl ohne meine Lizzy schlafen zu gehen, aber ich war seltsamer Weise gar nicht einsam, sondern schlief tief und fest bis ich über Lautsprecher um fünf Uhr zum Morgengebet geweckt wurde. Mit Grauen wurde mir bewusst, dass ich hier jeden Morgen so früh geweckt werde. Inshallah! Nach dem Gebet klopfte es an meiner Tür und Lizzy stand vor mir. Nach einer kleinen Begrüßungsorgie gingen wir gemeinsam zum frühstücken in die Gemeinschaftsküche. Die Frauen erwarteten uns schon und hatten schon für alle gedeckt. Als Neulinge wurden wir erst mal mit Fragen bombardiert, sodass wir kaum zum Essen kamen. Dann war es auch schon halb acht Uhr und Banu drängte Lizzy zum Aufstehen:

„Wir müssen noch einige Tests abschließen, denn Dr. al Gossarah will bis heute Mittag die Untersuchungen noch auswerten, um für dich baldmöglichst einen Heilplan zu erstellen.“

Und weg war meine Lizzy. Der Gemeinschaftsraum leerte sich nach und nach. Bis auf eine junge Frau. Sie kam zu mir und sagte:

„Salam aleikum, Schwester, ich bin Iman und du bist sicher Sandra, Lizzies Freundin?“

„Wa aleikum Salam, Iman! Ja, ich bin Sandra und fühle mich ziemlich überflüssig.“,sagte ich.

„Hör mal! Wir sind hier in einer Klinik und da ist jede helfende Hand willkommen, die anständige Arbeit nicht scheut. Ich bin heute zum Betten machen eingeteilt und vielleicht hast du Lust mir zu helfen?“

„Prima, ich helfe dir gerne!“, sagte ich mit ehrlicher Begeisterung.

„Nur, um ehrlich zu sein, du wirst bald merken, wie unfähig ich bei der Hausarbeit bin. Ich bin eine Studierte, die nie gebraucht wurde.“

„Mach dir keine Sorgen, schon bald wirst du in all diesen Dingen so perfekt sein wie ich.“,sagte sie und schaute mich mit einem seltsam wissenden Lächeln an. Sie gab mir sterile Klinikkleidung. Es war eine bodenlange grüne Abaya mit Niqab und Handschuhen in der gleichen Farbe. Ein Blick in den Spiegel reichte mir:

„Sind wir jetzt eine Heuschreckenplage?“ Iman kriegte fast einen Lachkoller und sagte:

„Gelobt sei Allah! Endlich mal eine Schwester mit Witz! Trotzdem, denk an unser Schweigegebot außerhalb des Frauenflügels.“

Dann begann mein erster Arbeitstag im Klinikum und es sollte auch nicht mein letzter sein. Schon bald sollte ich erfahren, dass ich hier meine Bestimmung und mein Glück gefunden hatte.

 

Einen Monat später:

Lizzy:

„Ich bin fast geheilt und fühle mich fantastisch!“ ,sagte ich zu Sandra. Es war komisch, aber wir haben uns, seit wir hier sind kaum gesehen und fast nie gesprochen.

„Es ist als würden wir immer noch den gleichen Weg gehen, nur nicht mehr Hand in Hand, sondern mit Abstand und wir fühlen uns dabei sehr wohl.“ ,meinte Sandra. Das versetzte mir zuerst einen Stich ins Herz. Doch sie hatte recht, wir hatten uns auseinander gelebt. Das Letzte was wir zusammen gemacht hatten, war unsere gemeinsame Schahada.

Sandra, sie nannte sich jetzt Saida, arbeitete jetzt fest als Hilfskraft in der Klinik. Heute hieß es Abschied nehmen, denn ich fahr nach Hause, ohne Sandra-Saida. Sie sagte:

„Ich habe meinen Weg gefunden, ich möchte für immer hier arbeiten. Ich habe die Bruderschaft gebeten, mich einem guten, frommen Mann zum Weib zu geben. Er ist Krankenpfleger und am Freitag ist die Hochzeit.“

„Ich wünsche dir alles Gute Saida und ich werde niemals die wunderbaren Jahre mit dir vergessen. Allah segne dich für alles, was du mir und Jenny Gutes getan hast.“

Zum letzten Mal sollten wir uns heulend in den Armen gelegen haben. „Liebe Safiye! - sie nannte mich mit meinem neuen Namen - Auch dir danke ich für unsere schöne Zeit, du und Jenny werden für immer einen Platz in meinem Herzen haben.“

Dann begleitete mich Banu zu meiner letzten Behandlung, eine die alles für mich ändern wird. Banu ist mir in der Zeit eine große Stütze gewesen. Am nächsten Tag stieg ich in den Fond seines Wagens, um meinem Mann Dr. al Gossarah, in seine Heimatstadt zu folgen. Es war, nach dem ich drei Wochen bei ihm in Behandlung war und begeistert von den Heilerfolgen durch ihn, voller Dankbarkeit an Allah, meine Schahada sprach und er mich danach frug:

„Safiye, willst du meine dritte Frau werden?“ Zuerst war ich etwas konsterniert. Ihn, einen zwanzig Jahre älteren Mann heiraten? Als seine dritte Frau?

„Antworte mir noch nicht, lasse dir Zeit, bevor du dich entscheidest. Ich erzähle dir, was ich von dir als meinem Weib erwarte. Du musst dich meiner Familie bedingungslos unterordnen. Dir gebührt die gleiche Behandlung wie meinen anderen Weibern. Ich werde dir, wie ihnen die Stimmbänder durchtrennen, damit du niemals einen Mann mit deiner Stimme in seiner Andacht störst. Meine Weiber leben in strengem Purdah. Du darfst dich niemandem mehr zeigen, du musst dich rund um die Uhr verschleiern, auch nachts. Wenn du dazu bereit bist, hast du die Ehre mein drittes Weib zu werden und mir Söhne zu schenken. Ich erwarte morgen eine Antwort von dir.“

Dann ließ er mich stehen und ich war total verwirrt. Ich hatte mich nämlich schon dabei ertappt, wie ich von ihm als meinen Mann träumte. Und jetzt bat er mich seine Frau zu werden. Doch es machte mir Angst in Purdah zu leben. Ich lief zu Banu, um mich auszusprechen.

„Banu, was soll ich nur machen? Ich habe davon geträumt seine Frau zu werden, aber für immer ein stummer halb blinder schwarzer Geist zu sein, ohne Namen zu sein, nur eine Nummer. Ich weiß nicht, ob ich das kann!“ „Du denkst viel zu viel! Vertraue Allah, er wird dich immer begleiten und erfülle dein Schicksal. Allah hat dir diesen Mann geschickt, also gehorche!“,sagte sie streng.

Sie hatte recht! In meinem neuen Leben als Salafistin musste ich mich der Weisheit Dr. al Gossarahs beugen. Ich musste meinem Herzen folgen und sein drittes Weib werden.

So saß ich nun im Fond seines Wagens. Ein stummer, halb blinder schwarzer Geist auf dem Weg in seine alte Heimat nach Duisburg, wo mein Herr eine neue Klinik eröffnen will. Die Wege zu Allah sind manchmal seltsam. Ich musste erst nach Berlin reisen, um zu Hause meine Bestimmung und mein Glück zu finden.