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Alles lief, wie geschmiert! Langsam war es schon etwas beängstigend, wie mein YouPub-Kanal ankam. Ich heiße Lisa Nahles. Aber ihr kennt mich ja alle von Lisa‘s World mit meinen Produktpräsentationen. Wie gesagt, das Geschäft lief fantastisch. Ich glaube, ich war in Deutschland die geschäftlich erfolgreichste Abiturientin. Dauernd war ich auf der Suche nach neuen Geschäftsideen und -kontakten.

Deshalb besuchte ich eine Veranstaltung der ‚Jungen Patrioten‘. Eine Vereinigung junger Menschen in meinem Stadtteil, die sich sozial stark, und zugegebener Weise sehr erfolgreich, um die sozial Schwächeren kümmerte. Politisch standen sie wohl eher links, denn sie waren engagierte AfD – Hasser.

Mich interessierte es nicht. Ich wollte nur meine Waren verkaufen – an wen auch immer. Erst das Geschäft, dann die Moral ist meine Devise.

Auf den Weg dahin, musste ich erst mal durch die Baustelle, die unser Mietshaus zur Zeit war. Sie verlegten irgendwelche neuen Leitungen.

-- Es wurden neue 'Gasleitungen' verlegt --

Jedenfalls war der Lärm und der Dreck mit ein Grund für meinen Besuch bei den ‚Jungen Patrioten‘. Dort stieß ich auf Jenny Wiesner. Sie fiel mir direkt auf. Sie trug zwar islamische Kleider, aber mit ihren himmelblauen Augen und ihrem hellen Teint erkannte man sofort ihre deutsche Abstammung. Ihre hellen Augenbrauen, die kaum sichtbar unter den Rand Ihres Kopftuchs hervor blitzten, verrieten die Blondine. So sittsam ihre Kleidung auch war, in moderner westlicher Kleidung war sie bestimmt ein Hingucker. Sie war mit Sicherheit eine Schönheit. Ich musste sie unbedingt kennenlernen. Für mein Geschäft ist es unabdingbar, mich mit den Wünschen und den neuesten Modetrends Jugendlicher aus zu kennen, denn für mehr hielt ich den ganzen Islamquatsch nicht. Eine Modeerscheinung, die bald in der Versenkung entfleucht. [entfleucht – was für ein geiles Wort ;)]

Klar! Man müsste blind sein, wenn man die wachsende Anzahl der Kopftücher in meinem Stadtteil übersähe, aber mich interessierten mehr die Möglichkeiten, wie ich das für mich geschäftlich umsetzen konnte.

Am Ende der Veranstaltung konnten wir uns noch zu einem Tee oder Kaffee mit Gebäck zusammen setzen.

Ich setzte mich direkt neben Jenny, die in einem Gespräch mit Achmed dem Vorsitzenden vertieft war.

„Achmed, ich bin dir ja so dankbar! Der Job, den du mir bei deinem Onkel vermittelt hast, macht mir richtig Spaß! Ich habe mich entschieden zu bleiben und alles zu lernen, was eine gute Schneiderin können muss.“,sagte sie.

„Das freut mich für dich! Du kleidest dich auch in deiner Freizeit sittsam, warum?“ ,frug er sie.

„Selima ist der Meinung, dass ich diese Kleider dauernd tragen sollte, damit ich mich besser eingewöhne. Sie hat Recht. Es gefällt mir immer mehr mich sittsam zu kleiden. Es ist sehr angenehm, wenn nicht dauernd hinter mir her gepfiffen wird und in Marxloh falle ich so auch kaum mehr auf.“,sagte sie.

„Ja, die Leute scheinen sich verändert zu haben. Alles ist viel ruhiger und freundlicher. Es ist wie auf einer sicheren Insel im Meer der Islamophobie.“ ,sagte er, mit unverkennbarer Ironie.

„Der Typ ist echt stark!“ ,dachte ich.

Dann wurde der ‚Herr Vorsitzender‘ von einem Mitstreiter fort gelockt und Jenny und ich saßen allein am Tisch.

„Hei! Ich bin Lisa. Du bist Jenny, nicht wahr?“ ,stellte ich mich vor.

„Lisas World, nicht wahr?“

„Exakt!“

„Und was treibt die Karrierefrau zu uns Normalos?“ ,frug sie mich.

 „Das Geschäft! Was sonst?“ ,konterte ich.

„Nein, natürlich nicht! Ich wollte mich hier nur ein wenig umschauen. Bei mir zu Hause finden irgendwelche Umbauten statt und der Lärm und der Dreck haben mich in eure Arme getrieben.“

„Mit uns Geschäfte zu machen wäre auch ein ziemlich vergebliches Unterfangen. Willkommen in der Welt des Hartzens. In memoriam SPD!“ ,sagte sie.

Man, hatte das Mädel eine Fresse am Leib! Die musste ich unbedingt auf meinem YouPub-Kanal interviewen!

„Hör mal, mir geht es gar nicht ums Geschäft.“ ,log ich.

„Ich würde dich unheimlich gerne zu einem Interview auf meinem YouPub-Kanal einladen.“

„Ich glaube nicht, dass so was noch das richtige für mich ist. Vor einem Monat hätte ich noch begeistert zugestimmt, aber ich habe mich seit dem sehr geändert. Sei bitte nicht böse, aber deine Produkte interessieren mich heute überhaupt nicht mehr.“ ,sagte sie.

„Ich will dich nicht belügen.“ ,log ich.

„Ich bin an euch wirklich interessiert. Lass uns unsere WhatsApp tauschen und ich schicke dir einige Fragen, die ich dir stellen möchte. Okay? Du würdest mir eine große Freude machen.“

Wir tauschten uns aus und dann hatten wir beim Abchecken der anwesenden Jungs noch etwas Mädchenspaß. Dann trennten wir uns.

„Es sind wirklich sehr beeindruckende Typen, diese ‚Jungen Patrioten‘.“ ,dachte auf dem Heimweg und ich fühlte mich irgendwie leer.

„Vielleicht bin ich viel zu oberflächlich? Vielleicht gibt es neben dem Geschäft noch wichtigeres?“ So schlenderte ich tief in Gedanken versunken nach Hause. Zu meiner großen Freude schienen die Umbauten abgeschlossen zu sein. Noch am gleichen Abend schickte ich Jenny meine Fragen.

Was war das für eine tolle Nacht! Ich hatte geschlafen wie ein Murmeltier. Ich fühlte mich wie neugeboren! Ich strotzte förmlich vor Energie und gleichzeitig war in mir eine tiefe Gelassenheit. Ich hüpfte schnell unter die Dusche und machte mich für die Schule fertig. Ein letzter Blick in meinen großen Ganzkörperspiegel und ab in die Küche um zu frühstücken.

Oder doch nicht? Noch ein Blick in den Spiegel. Ich drehte mich nach links, dann nach rechts. Ich betrachtete meine schulter langen Haare. Dann mein knall-enges Top und meine Lieblingsjeans, richtig schön an allen wichtigen Punkten geschreddert und durchlöchert, die Lumpen haben eine Arsch voll Euronen gekostet. An den Füßen teure Kate Spade Slipper. Ich entsprach voll und ganz meinem Lisas World Image. Es war doch alles wie immer. Es war perfekt und doch fühlte ich mich nicht richtig wohl in den Klamotten. Also alles auf Anfang. Mal gucken, was mein wohl gefüllter Kleiderschrank noch so hergibt? Irgendwann landete ich in einen waden- langen Rock und einer weißen Baumwollbluse mit langem Arm. Meine Frisur hatte durch die ganze Umzieherei schwer gelitten. Kurzer Hand band ich mir meine Haare zu einen Pferdeschwanz.

Zum Frühstücken hatte ich keine Zeit mehr, wenn ich pünktlich in der Schule sein wollte. Noch ein kurzer Blick in den Spiegel und seltsam zufrieden verließ ich die Wohnung.

Ich saß im Klassenzimmer und betrachtete seit langem wieder meine Mitschülerinnen. Es war mir früher gar nicht aufgefallen, wie viele meiner Mitschülerinnen Kopftuch trugen. Direkt vor mir saß so ein großer Stoffbündel.

Moment! Da saß doch immer Hanna Böhm?

„Hanna! Bist du es?“ Keine Reaktion. „Hallo, Hanna! Bist du es?“