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Jenny:

Schon seltsam, was da modisch angesagt war. Es war total in, sich schöne lange Kleider und Röcke vom Türken bei uns in unserer Straße, fertigen zu lassen und jedes war ein unverwechselbares und teures Einzelstück. Ein neues Bewusstsein für Qualität hatte sich immer mehr durchgesetzt. Nicht mehr sich alle drei Monate nach dem neuesten Modediktat neu einkleiden war angesagt, sondern sich mit weniger, aber dafür Schönem und Wertvollem zu kleiden, war angesagt. Speziell bei uns weniger Begüterten war das eine bessere Option, als in diesen hässlichen und ausbeuterisch gefertigten Discounter-klamotten herum zu laufen. Die Stimmung war allgemein viel ruhiger und die Menschen waren viel entspannter und optimistischer. Bei allen waren die Bilder von den, von Neonazis niedergeknüppelten muslimischen Friedensdemonstranten, noch gewahr und unsere Empörung war groß. Daher hatte ich mich damals den ‚Jungen Patrioten‘ angeschlossen. Unser Ziel war es ein Vaterland für alle Bürger in Deutschland zu schaffen, wie es schließlich im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gefordert wird. Es war erstaunlich, wie schnell der Nazispuk wieder in der Versenkung verschwand. Unsere Politdarsteller der etablierten demokratischen Parteien rochen Morgenluft. Es machte sich eine neue Aufbruchstimmung unter den Bürgern breit. Wir bekamen erstmals ein neues liberales Einwanderungsgesetz und ein effektives Gesetz gegen Volksverhetzung, welches die rassistischen Hetzereien schnell verstummen ließen.

Ich war damals ein süßer sechzehn-jähriger Teenager und suchte dringend einen Ausbildungsplatz. Mein Vater hatte uns im Stich gelassen und meine Mutter Lizzy war krank. Wir lebten von Hartz4, der deutschen Form der Sozialhilfe, mehr schlecht als recht. Und ich war in unserem Stadtteil nicht alleine arm.

So trafen wir ‚jungen Patrioten‘ uns regelmäßig im Bürgerhaus, um unsere Situation zu besprechen und soziale Hilfen für die Alten und Kranken zu organisieren.

„Hi, Jenny,was geht ab?“,begrüßte mich Achmed, als ich eintrat.

„Alles beim Alten und bei dir?“

„Habe gerade die zwei hundertste Bewerbung raus geschickt. Die Hoffnung stirbt zuletzt!“,sagte er.

Ich mochte die Art wie Achmed Probleme behandelte. Er ließ sich scheinbar durch nichts erschüttern.

„Aber ich hätte vielleicht was für dich!“, sagte er. „Raus mit der Sprache!“,sagte ich.

„Mein Onkel Murad hat doch die Änderungsschneiderei in eurer Straße und er sucht ein Mädchen für Näharbeiten. Was denkst du, so als Übergangslösung, bis du was gefunden hast, ist das doch nicht schlecht, oder?“

„Ich kann doch gar nicht schneidern, aber ich würde es gerne lernen.“sagte ich und dachte:

„Egal was, Hauptsache was zu tun!“ „Lass uns nach der Sitzung einfach mal hingehen, okay?“,meinte er.

„Okay, warum auch nicht. Es kann nie schaden, wenn man sich bemüht!“ In der Sitzung diskutierten wir, wie wir den Rassismus in einigen Firmen bekämpfen konnten, denn wer von uns keinen deutschen Namen hatte, hatte es doppelt schwer einen Job zu finden, dessen Bewerbungen landeten sehr oft ungelesen in den Papierkorb. Beim Hinausgehen frug Achmed mich:

„Du weißt, dass wir Salafisten sind?“ Ich sagte:

„Wenn ich ehrlich bin, ich habe von eurer Religion keinen Schimmer. Erklär es mir, bitte.“

„Also, wir Salafisten sind streng gläubige Muslims. In Deutschland werden wir immer mit den Wahabiten verwechselt, dass sind die saudischen Terroristen, nicht wir. Wir glauben, dass Terrorismus eine schlimme Sünde ist. Ich sage dir das nur, weil mein Onkel von einem Mädchen erwartet, dass es sich sittsam kleidet und gehorsam ist.“

„Aber ich muss mich nicht verschleiern, oder?“ frug ich ihn ein wenig besorgt.

„Unsinn, benimm dich bescheiden und unauffällig und rede nur, wenn du gefragt wirst. Im Übrigen machst du mir eine Freude, wenn du drei Schritte hinter mir gehst!“,sagte er

. „Geht in Ordnung, mein Herr und Gebieter!“ sagte ich schelmisch und ich dachte mir im stillen, wenn ich schneidern gelernt habe, kann ich und immer etwas Geld verdienen und mir und anderen die schönsten Kleider machen. ‚Handwerk hat goldenen Boden‘ heißt es doch so schön!

Wir erreichten das Geschäft und traten ein. Diesmal kam ich nicht als Kundin. Wie wird Murad wohl reagieren? Achmed ging direkt zu seinem Onkel und begrüßte ihn, indem er ihm die Hand küsste und sie dann zur Stirn führte. Ich tat es zu Murads Erstaunen ihm gleich.

„Hallo, Jenny, wie komme ich zu dieser Ehre?“,frug er mich. „Ich bemühe mich nur um korrektes Benehmen, damit ich bei dir das Schneiderhandwerk lernen darf.“,sagte ich darauf hin.

„Liebes, mit Handkuss begrüßen sich nur Verwandte. Bei uns geben Frauen fremden Männer niemals die Hand, aber danke für deine nette Geste und jetzt wollen wir es uns bei einer Tasse gutem Tee im Wohnzimmer gemütlich machen. Na, kommt schon!“

Ich kriegte eine knallrote Birne und war froh, dass ich den Männern folgen durfte, so konnten sie es nicht sehen.

„Selima, bring uns bitte Tee! Wir haben Gäste!“ rief Murad und forderte uns auf, uns zu setzen. Dann betrat eine Frau, gekleidet in türkisch, traditioneller Art, also langes,weites Kleid und weit ins Gesicht gezogenen Hijab, das Zimmer und reichte uns wortlos Tee und Gebäck und verschwand, wie sie gekommen war: wie ein lautloser Schatten. Ich war fasziniert. Schon bald sollte ich die Bezeichnungen Ruband, Abaya, etc. kennen lernen.

„Nun“,sagte Murad, „ich darf dich in Deutschland nicht ausbilden, da ich keinen Meistertitel habe, aber ich kann dich als Hilfskraft einstellen, auch so lernst du, wenn du willst, das Handwerk der Schneiderin. Wichtig ist mir allerdings, dass du dich sittsam kleidest und dich unserer Lebensweise anpasst.“

„Ich muss mich wie deine Frau Selima kleiden, oder?“ frug ich.

„Ja, wenn du Hijab und Abaya trägst reicht es mir. Selima, zeige Jenny bitte, wie sie sich zu kleiden hat.“,rief er nach ihr.

Sofort erschien sie und winkte mir zu, ihr zu folgen.

„Hallo, Jenny! Ich freue mich, dich kennen zu lernen! Wenn du bei uns arbeiten darfst, werden wir uns bestimmt öfter sehen. So, lass uns gucken, was für für dein neues Outfit tun können. Dein Kleid ist wirklich hübsch, aber für unsere Ansprüche etwas zu offenherzig. Du hast es bei uns gekauft, stimmt‘s?“

Ich nickte nur und verwundert schaute ich Selima an, sie sah bei näheren Hinsehen definitiv nicht wie eine Türkin aus.

„Lass mich raten: du wunderst dich darüber, dass ich eine Deutsche bin, nicht wahr? Ja, ich habe einen sechzehn Jahre älteren Türken geheiratet und bin konvertierte Muslimah! Hier zieh bitte das hier an.“

Sie reichte mir einen Rock und eine Bluse. Der Rock war weit geschnitten und reichte mir bis zu den Knöcheln. Als ich mir dann noch die hüft- lange,weite Bluse mit langem Arm und Stehkragen überzog, war meine Figur nur noch Erinnerung. Selima band mein Haar mit einem schwarzen Schal, bis kein Härchen mehr zu sehen war.

„Jetzt noch einen hübschen Hijab und du bist vorzeigbar! Es gibt verschiedene Techniken ihn zu binden. Ich zeige dir jetzt, wie du ihn bei uns trägst.“

Sie legte eine transparente, biegsame Plastikplatte in den Schal und faltete ihn zu einem Dreieck. So konnte sie, ihn mir weit ins Gesicht ziehen, ohne das der Stoff mir über das Gesicht fiel, es sah jetzt mehr wie eine Haube aus. Eine weite Überkopfabaya, das ist eigentlich nur ein Tuch mit einem Loch drin, die mir vorne bis über den Bauch und hinten über den Po ragte vervollständigte meine neue ‚Sittsamkeit‘.

„Wenn du den Kopf etwas gesenkt hältst, kann niemand mehr dein Gesicht sehen, bis auf deine Nasenspitze vielleicht.“

Wir stellten uns nebeneinander vor den Spiegel und ich sah zwei Zwillinge. Die Hijabhauben gaben uns ein etwas madonnenhaftes Aussehen, ich fühlte mich irgendwie unschuldig und unberührt, was ich eigentlich auch tatsächlich war. Obwohl mir unter dem dichten Stoff ganz schön heiß wurde, fühlte ich mich seltsam wohl. Ich fand es okay, wenn ich so gekleidet, den Job bekomme sollte, dann ist das halt so.

„Du solltest dich ab heute nur noch so kleiden, dann wirst du dich am schnellsten daran gewöhnen. Am besten bringst du morgen früh deine Kleider von zu Hause mit. Ich zeige dir dann, wie du daraus muslimische Kleider und Schleier nähst, dass spart dir eine Menge Geld und du lernst gleichzeitig, wie man näht.“

Dann kehrten wir zu den Männern zurück. Wir besprachen noch einige Einzelheiten und gingen dann. Auf der Straße bemerkte ich erst, dass ich noch Selimas Kleider trug, aber Murad sagte:

„Ich schenke dir die Kleider, dann bist du morgen früh gleich ordentlich angezogen.“

Achmed begleitete mich noch netterweise nach Hause. Eine Muslimah, die drei Schritte hinter einem Mann durch die Straße geht und ich fand das irgendwie ganz in Ordnung. Seltsam? Habe ich eine neue Seite an mir entdeckt. Verwirrt folgte ich ihm, aber nicht ohne seinen knackigen Arsch zu bewundern.

 

„Was machen Sie in meiner Wohnung?“ schrie Lizzy mich an. Ich nannte meine Mutter immer beim Namen. Dann erkannte sie mich und ich glaubte zu hören, wie sich ihr Unterkiefer ausrenkte. Gleichzeitig betrat unsere Nachbarin und Freundin meiner Mutter, Sandra, die Wohnung. „Allah u akbar, Schleiereule!“,begrüßte sie mich und nahm mich in die Arme. Das war typisch Sandra! Ich habe sie noch in keiner Situation die Fassung verlieren gesehen. Lizzy brauchte noch etwas Zeit, um sich zu fangen:

„Wie siehst du denn aus? Bis Karneval ist es noch ein bisschen hin! Oder was soll die Maskerade?“

Ich nahm auch sie in die Arme und drückte sie glücklich:

„Mama, ich habe einen Job! Ich kann ab morgen bei Murad, dem Schneider arbeiten.“

„Scheiße!“ war daraufhin der einhellige Kommentar.

„Wir machen uns jetzt erst mal einen Kaffee, dann erkläre ich dir die Hartz4-Regeln.“

Wie schon gesagt, mein Vater hatte sich vor Jahren aus dem Staub gemacht und hinterließ meiner Mutter einen Haufen Schulden und mich, ihr Töchterlein. Sie musste in der Zeit sehr hart kämpfen, um uns durch zu bringen und gleichzeitig die Schulden zu bedienen. Sandra war die einzige, die Lizzy und mir in der Not beistand. Als es danach aussah, dass wir über den Berg waren, brach sie zusammen und ist seit dem linksseitig gelähmt. Wir leben von Sozialhilfe, in Deutschland Hartz4 genannt, mehr schlecht als recht.

Mutter erklärte mir dann, dass sobald ich Geld verdiene, der Hartz4-Satz gekürzt wird. Das heißt: man arbeitet und muss trotzdem an der Tafel anstehen, um die Reste der Wohlstandsgesellschaft als Almosen zu empfangen. Die Extrakosten, die durch die Erkrankung meiner Mutter entstanden, konnten wir so schon kaum noch stemmen. Alles wurde immer teurer. Scheiße! Ich muss mich morgen früh erst mal mit Murad unterhalten.

Ruband Teil 2

Jenny hat Arbeit:

 

Der Wecker klingelte. Es war sechs Uhr morgens und mein allererster Arbeitstag, so wahr mich Hartz4 ließe. Jetzt aber hoch und ab ins Bad und danach kleidete ich mich besonders sorgsam in meine neuen Kleider und Schleier. Sofort setzte wieder dieses seltsame Gefühl ein. Der dicke und schwere Stoff gab mir das Gefühl, als wäre ich beschützt. Unwillkürlich suchte ich auf meinem Spiegelbild nach dem kleinsten sichtbaren Härchen. Alles musste hundertprozentig stimmen. Zufrieden mit meiner Arbeit ging ich in die Küche, wo Lizzy und Sandra schon mit dem Frühstück auf mich warteten.

Sandra war sexuell, ich sag mal, flexibel veranlagt und da Lizzy, seit dem Debakel mit meinem Erzeuger, eher zurückhaltend auf männliche Gesellschaft reagierte, hatte sich eine kleine, aber feine Interessengemenschaft in meiner Familie ausgebildet.

Sandra war wirklich eine tolle Freundin und wir liebten sie sehr. Beide waren für mich Freundinnen und Mütter. Wie sie mich ansahen. In ihren Augen spiegelte sich der Stolz einer Mutter auf eine tüchtige Tochter, die ihre erste Arbeitsstelle antrat und dasgleichzeitige Befremden, ob ihrer Kleidung. Ich ging zu ihnen und sie nahmen mich in die Arme.

„Macht euch keine Sorgen. Alles wird gut. Ich rede gleich mit Murad. Wir werden schon eine Lösung finden.“

„Ach, Kind, du bist erst sechzehn und musst schon so schwere Entscheidungen treffen. Du solltest dich amüsieren und Spaß haben.“ „Hört mal, ihr seid meine Mammies, euch etwas von dem zurück zu geben, dass ihr mir alles geschenkt habt, ist für mich der größte Spaß, den ich mir vorstellen kann.“,sagte ich mit einer gehörigen Portion Ironie in der Stimme und einem schelmischen Grinsen.

Wir heulten zusammen eine Glücksrunde, dann schnappte ich mir meinen Koffer, in dem die Sachen waren, die ich um schneidern wollte und machte mich auf den Weg.

Schön, wenn dann die Arbeit da ist, wo man auch wohnt. Pünktlich um sieben stand ich an dem Hintereingang, um von Selima eingelassen zu werden.

Ich erkannte sie zuerst gar nicht, denn sie trug einen weißen, seidenen und sehr langen Schleier vor dem Gesicht. Wo ihre Augen hätten sein können, waren Blumen ein gestickt, durch denen sie wohl sehen konnte. „Komm rein, Liebes! Oh, wie schön! Ich sehe, du hast Kleider zum Umnähen mitgebracht.“ begrüßte sie mich. Sie nahm mich in den Arm und rieb mit ihrer Stirn an meine Schläfen. Es war ein tolles Gefühl, wie sich Stoff an Stoff rieb. Dann tat ich es ihr gleich.

„Warum trägst du diesen seltsamen Schleier? Ich kann dich ja gar nicht mehr sehen.“ frug ich

„Dieser Schleier nennt sich Ruband und wird in der Region aus der Murad stammt von den gläubigen Muslimahs getragen, wenn sie den Frauenbereich verlassen. Vielleicht möchtest du es mal ausprobieren.“ frug sie mich.

„Nein, danke, Selima! Das ist mir dann doch etwas zu viel Islam auf einmal. Hör mal, wenn Murad Zeit hat, möchte ich noch gerne etwas mit ihm besprechen.“

„Jenny komm zu mir. Ich bin im Büro.“ rief Murad.

„Setz dich und erzähl mir deinen Kummer!“ Ich rief nur:

„Hartz4!!!!“

„Das hatte ich mir schon gedacht. Wenn du hier arbeitest, streichen diese Sozialmenschen euch die Hilfe. Dir ist klar, dass du bei mir nur höchstens etwas dazu verdienen kannst. Was hältst du von einer Bezahlung in Naturalien?“

„Wie, bitte, das ist nicht dein Ernst! Ich bin keine Hure!“ sagte ich empört. „Bei Allah, nein! Du hast mich vollkommen falsch verstanden! Ich meinte richtige Nahrungsmittel!“,er wurde knallrot und Selima konnte sich vor Lachen kaum mehr halten. Da musste ich auch lachen und kurze Zeit später fiel er mit uns in ein befreiendes Lachen mit ein.

Ihr Sinn für eine spezielle Art des Humors traf ganz und gar meinen Geschmack. Ich konnte mich wie zu Hause fühlen. Und ich begann die beiden lieb zu gewinnen.

„Pass auf! Ich mache einmal die Woche für Selima und mich einen Großeinkauf. Ab jetzt mach ich ihn auch für euch mit. Das sind dann locker fünf- bis sechshundert Euro im Monat, die ich dir und deiner Mutter zukommen lassen kann. Was hältst du davon?“

Mir kamen die Tränen und ich sagte:

„Ich kann doch überhaupt nichts und ihr wollt uns so großzügig helfen! Das ist doch viel zu viel!“

„Also, Fräulein! Wer ist hier der Chef? Na? Antworte!“

„Du!“,antwortete ich kleinlaut.

Selima umfasste mich von hinten und sagte:

„Für uns Muslime ist es eine heilige Pflicht zu helfen. Es bringt uns dem Paradies ein Stückchen näher und wir zeigen Allah dadurch unsere große Liebe zu ihm.“

„Nach dieser Logik müsstet ihr mir danken, dass wir uns von euch helfen lassen.“,sagte ich frech und:

„Danke, ihr seid wirklich unglaublich! Ich möchte mich bei eurem Allah bedanken, dass ich euch begegnet bin.“,sagte ich dann tief bewegt. „Erzähle es wirklich niemandem, was wir abgemacht haben, auch nicht Achmed. Ich gehe heute abend mit zu dir nach Hause und bespreche alles mit Lizzy und Sandra. Die Behörde könnte uns aus unserem Deal sonst noch einen Strick drehen. Sie könnten mir sogar den Laden schließen.“

Ich dachte noch: „Woher kennt er Sandra?“

„Natürlich, nur wenn wir uns schon selbst bei Lebensmittelgeschenken strafbar machen sollten, dann frage ich mich, wer oder was ich für diesen Staat eigentlich bin? Ein Schmarotzer, oder was?“ sagte ich stinksauer. Murad schaute mich sehr ernst an und sagte:

„Du beginnst zu verstehen und ich will dir helfen, deinen dir zustehenden Platz in dieser Welt einzunehmen. Inshallah! Geh jetzt mit Selima in den Wohnbereich. Dort kann sie dich, ohne sich zu verschleiern, an der Nähmaschine ausbilden.“

Ruband Teil 3

„Komm, ich möchte dir zuerst unser Haus zeigen.“

Sie führte mich in das großzügig geschnittene Wohnzimmer, dass ich ja schon kannte, von dort betraten wir einen üppigen Wintergarten mit einem Springbrunnen in der Mitte. Dann zeigte sie mir ihr eigenes Zimmer oder besser gesagt Appartement. Hier fehlte es an nichts. Sie hatte sogar eine Toilette, eigenes Bad, eine kleine Kochnische und ein separates Arbeitszimmer.

Hier stand auch die Nähmaschine, an der ich ausgebildet werden sollte. Selima nahm ihren Ruband ab und hängte ihn in den Schrank. Dann machten wir meinen Koffer leer. Sie sortierte meine Klamotten und reichte mir meinen Winterrock.

„Ich zeige dir jetzt, wie man Nähte aufschneidet, ohne den Stoff zu zerstören.“

Die nächsten Wochen lehrte sie mir alles, was ich für meine Arbeit wissen musste. Meine selbst gefertigte, kleine Kollektion lag bald vor mir. Ich trug einen Hijab, den ich aus meinem bunten Sommerrock gefertigt hatte. Darüber zog ich eine Überkopfabaya. Ich hatte sie besonders weit und lang ausgelegt, damit ich bis auf mein Gesicht vollständig bedeckt war. Mich sittsam zu bedecken, war für mich so selbstverständlich geworden wie Zähne putzen. Ich lernte fünfmal am Tag die Gebete zu sprechen und las den heiligen Koran auf deutsch. Da während der Gebetszeiten die Arbeit ruhte, konnte ich dreimal am Tag mit meinen Freunden beten.

 

Sandra und Lizzy

 

„He! Lizzy, was guckst du so nachdenklich?“ frug Sandra besorgt.

„Ich mache mir Sorgen um Jenny! Wie sie da in ihrer Moslemkluft so vor uns stand, gingen mir seltsame Gedanken durch den Kopf!“ ,sagte Lizzy. „Mir auch! Nur – hast du dich schon mal richtig umgesehen, wie sich alles verändert hat.

1989 fiel die Mauer und der Kommunismus und wir waren da so alt, wie Jenny heute. Kannst du dich noch an das Lebensgefühl und unsere Träume erinnern. Wir wollten ein emanzipiertes und selbstbestimmtes Leben und hätte uns jemand ein Leben mit Hartz4 prophezeit, wir hätten ihn ausgelacht. Wir studierten und träumten, wie selbstverständlich von einer beruflichen Karriere. Und was ist daraus geworden? Lass uns hoffen, dass Jenny es einmal besser ergeht.

Ich glaube, es wird für uns noch ganz schön schwierig werden, mit den Veränderungen, die die Welt für uns noch bereit hält, Schritt zu halten.“ ,lamentierte Sandra in ihrer gewohnt lehrerhaften Politliturgie.

„Oh, eine Nachricht von Jenny!“

- Bitte das Klo putzen! Bringe heute Abend meinen neuen Chef mit!-

 

„Immer wieder süß, die Kleine! Komm, lass uns das Klo putzen und vielleicht auch etwas zum Abendessen vorbereiten. Wir kriegen scheinbar hohen Besuch!“ lachte Sandra und Lizzy stimmte, jetzt etwas entspannter, mit ein.

„Aber vorher lass uns die Früchte unserer Arbeitslosigkeit ernten und Spaß haben. Lass uns die Bettdecken noch ein wenig aufschütteln!“ meinte Sandra und schaute begehrlich auf ihre Freundin.

„Wie du doch immer weißt, was mir gut tut, liebste Freundin!“

Und so gingen sie, um sich von dem Nutzen der Bettgarnituren zu vergewissern.

Ruband Teil 4

Am Abend

Selima lehrte mich mit Geduld und Hingabe zum ersten mal mein neues Handwerk. Es war richtig interessant zu sehen, wie aus einem Stofffetzen ein Kleidungsstück entstand. Zwischendurch ließ sie die Arbeit ruhen und betete dann. Da ich nichts besseres zu tun hatte, kniete ich mich neben sie. Dafür wurde ich von ihr mit einem warmen Lächeln belohnt.

„Es war schön zu sehen, dass du dich bei meinem Gebet zu mir gekniet hast. Wenn du möchtest, lehre ich dich unsere Gebete. Es wäre schön mit dir zusammen zu beten.“

„Unterbrichst du immer die Arbeit, um zu beten?“ ,frug ich sie.

„Ja, wir Moslems beten fünfmal am Tag zu festgelegten Zeiten.“ sagte sie.

„Ich bin dabei, wenn du willst? Man kann gar nicht genug lernen!“ sagte ich. Ich war wirklich neugierig auf diese fremde Religion, die westliche Schönheiten wie Selima dazu brachte, sich einer so strengen Kleiderordnung zu unterziehen.

Dann gingen wir wieder an die Arbeit und bei der nächsten Pause unterwies sie mich in den rituellen Waschungen und meine ersten arabischen Worte lernte ich zum Lobe Allahs.

Bald war es Zeit mit der Arbeit für heute aufzuhören und sich auf den Heimweg zu machen.

Selima und ich setzten uns ins Wohnzimmer, um noch einen Tee mit etwas Gebäck zu uns zu nehmen und um auf Murad zu warten.

Es war total entspannend mit Selima zu plaudern, doch nach etwa einer halben Stunde wurde ich etwas ungeduldig. Selima flüsterte mir zu:

„Er lässt dich mit Absicht warten. Er will wissen, wie geduldig du bist. Tue ihm nicht den Gefallen und entspanne dich. Bei türkischen Männern hilft manchmal nur Sturheit. Gewöhne dich daran, wenn du hier weiter arbeiten willst.“

Seltsam! Ich fühlte mich in der Rolle, der geduldig wartenden, der sich unterordnenden Frau immer wohler. Es gefiel mir, diese alles verhüllende Kleidung zu tragen und drei Schritte hinter einem Mann zu gehen und mir dabei seinen Knackarsch anzuschauen, machte mich richtig wuschig. Gott oder besser Allah! Ich war damals gerade erst sechzehn Jahre alt. Ein unbeschriebenes Blatt. Und ich war so glücklich, dass diese Menschen mir so liebevoll die Hand reichten und mir halfen meine Bestimmung im Leben zu finden.

Ruband Teil 5

Endlich erbarmte sich Murad und erfreute uns mit seinem Erscheinen.

„Ich hoffe Jenny, die Zeit ist dir nicht zu lang gewesen, aber ich musste noch dringende Anrufe tätigen.“ ,sagte er.

„Aber nicht doch! Wir haben uns die Zeit mit einem kleinen Frauenschwätzchen vertrieben.“ ,erwiderte ich.

„Gut, dann lass uns gehen! Es ist ja nicht weit. Bitte bedecke dich, Selima!“

Selima bedeckte sich mit einem Ruband und dann traten wir, Selima mit einem Tablett in den behandschuhten Händen auf die Straße. Während wir dem Chef in gebührenden Abstand folgten, betrachtete ich Selima. Dieses Stück Stoff vor ihrem Gesicht schien für mich alles zu verändern. Schlagartig wurde aus einer lieben Freundin eine gesichtslose Frau.

„Stört es dich, dass ich mitkomme oder warum schaust du so verwundert?“ frug sie.

„Nein, dieser Ruband macht alles so mysteriös. Einerseits muss ich mir sagen, dass du es darunter bist und andererseits finde ich es gut, dass du dich bedeckst. Ich bin wohl ein wenig mit der Situation überfordert. Verzeih mir, dass ich dich anstarrte.“

Unsere kleine Prozession, Murad voran, näherte sich meinem Mietshaus. Anstatt mich aufschließen zu lassen, klingelte er bei meiner Mutter.

„Ja bitte! Wer ist da?“ klang es aus der Gegensprechanlage.

„Hier ist Murad Arslan! Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen, Frau Wiesner.“ ,sagte Murad.

Der Türöffner summte und wir traten ein. Während wir die Treppe zum zweiten Stockwerk hoch gingen, wurden wir im Treppenhaus von Sandra und Lizzy neugierig erwartet. Wir mussten für sie schon ein seltsames Trio abgeben: Ein Türke mit einer ganz und einer halb-verschleierten Frau im Gefolge kamen die Treppe hoch.

„Willkommen, treten Sie bitte ein.“ ,sagte Sandra, wie immer die Handlung an sich reißend.

„Wir kennen uns ja schon, Herr Arslan, und ich nehme an, die verschleierte Dame in ihrer Begleitung ist ihre Gattin, nicht wahr?“

„Ja, das ist meine Frau Selima.“

„Hallo, Selima! Ist es Ihnen recht, wenn wir uns unter Nachbarn duzen, Herr Arslan.“,frug sie.

„Sicher, ich heiße Murad und ihr heißt Sandra und Lizzy, nicht wahr? Selima hat als kleines Geschenk einen Kuchen gebacken.“ Sandra führte unseren Besuch ins Wohnzimmer.

„Sind hier noch fremde Männer oder erwarten sie noch welche?“ ,fragte Selima. Als es verneint wurde, legte sie ihren Schleier ab. Meine Mammies staunten nicht schlecht, als ihnen ein verdammt hübsches, deutsches Gesicht zulächelte.

„So ist es für mich viel bequemer und für euch bestimmt auch angenehmer anzuschauen, nicht wahr?“,frug sie.

„Ja, ich bin konvertiert und gebürtige Deutsche, um eure fragenden Blicke zu beantworten.“ lachte sie und meine Mammies lachten auch, das Eis zwischen ihnen war gebrochen. Dann wurde das Essen aufgetragen und ich muss sagen, die Mädels hatten da schon was Ordentliches zustande gebracht. Nach dem Essen wurde dann von Murad erklärt, wie er meine Arbeit vergüten wolle. Nicht ohne den Protest meiner Mammies:

„Aber es ist schon so großzügig von dir, dass du Jenny in einem Handwerk ausbildest und wir sind auch so immer gut zurecht gekommen!“ sagte Lizzy.

„Ich bin Jennys Chef und das Kind arbeitet bei mir nicht umsonst, dass bin ich mir selbst schuldig! Entweder ihr akzeptiert oder wir lassen es ganz bleiben.“

Diesen Ton kannten meine Emanzen-Mammies noch von keinem Mann. Kleinlaut gaben sie klein bei. Und auch mir gab es ein gutes Gefühl, einen Mann der Klartext sprach, in unserer Runde zu haben. Ich ahnte, wie ein richtiger Mann einer Familie gut tun konnte. Dann aßen wir etwas von Selimas leckeren Kuchen und tranken Tee. Es wurde noch ein sehr schöner und fröhlicher Abend. Murad Arslan:

„Hallo Ibrahim; mein Bruder! Ich habe gute Nachrichten von der Islamisierungsfront. Wir sollten uns mal wieder treffen. Wie wäre es heute Abend im Café ?“ simste Murad.

„Ist dir 20:00 Uhr recht ?“

„Okay, bis heute Abend.“ simste Ibrahim zurück. Sie trafen sich am Abend im Café und erzählten sich ihre Neuigkeiten.

„Auf Befehl des Sheik Achmed Kabir musste ich mein Weib neu konditionieren. Alle Männer in führenden Positionen müssen es. Wir sollen mehr Öffentlich arbeiten und da passen voll verschleierte Frauen nicht ins Bild. Bis sich der Islam auf breiter Front durchgesetzt hat, muss ich wohl oder übel damit leben.“ ,sagte Ibrahim.

„Bruder, ich leide mit dir! Wie gut, dass ich nur ein kleiner Schneider bin. Meine Frau Selima trägt jetzt den Ruband und ist eine tadellose Muslimah geworden. Und mir ist ein neuer Fisch ins Netz gegangen, die kleine Jenny Wiesner und ihre zwei lesbischen Mütter stehen schon auf der Warteliste. Jetzt, wo die ganze Straße ans Gasnetz angeschlossen ist, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch sie zu uns gehören. Wie handhabt ihr eigentlich Lesben?“ ,frug Murad.

„Sie werden bald konvertieren und dann selbstverständlich von ihrem sündigen Treiben ablassen und für unseren Heiratsmarkt zur Verfügung stehen.“

Ruband Teil 6

Sandra und Lizzy:

 

Es ist Freitag und Jenny sitzt mit ihren Müttern am Frühstückstisch.

„Es wird Zeit! Du musst zur Arbeit, Jenny!“ ,sagte Lizzy.

„Es ist Freitag, da haben wir Muslime frei. Murad nimmt mich heute mit in die Moschee, zum Freitagsgebet. Was meint ihr, habt ihr nicht Lust mit zu kommen? Bitte, ich würde mich so freuen, mal wieder etwas mit euch zusammen zu erleben.“ ,sagte Jenny.

„Ich in eine Moschee gehen? Du hast sie wohl nicht alle? Und was heißt hier eigentlich ‚wir Muslime‘? Habe ich da was verpasst?“ Lizzy reagierte genervt.

„Liebes, du nimmst das alles viel zu ernst! Nun lass Jenny sich ausprobieren und wenn sie es sich so sehr wünscht, dann kommen wir mit. Es ist doch die Chance mal in eine fremde Kultur rein zu schnuppern. Im übrigen möchte ich auch gerne Selima wiedersehen.“ ,sagte Sandra. „Erde an Sandra! Verstehst du nicht, dass ich mir Sorgen um Jenny mache?“ frug Lizzy.

„Um was sorgst du dich? Dass Jenny eine Muslimah wird, die tief verschleiert drei Meter hinter ihrem Herrn und Gebieter her läuft?“ ,meinte Sandra.

„Zum Beispiel! Ich habe sie schließlich zu einer emanzipierten Frau erzogen und nicht zu einer Sklavin.“ wehrte sich Lizzy.

„So tolle emanzipierte Frauen, wie wir, die sich von der ARGE von einer Maßnahme in die nächste schikanieren lassen. Was führen wir doch für ein selbstbestimmtes und emanzipiertes Leben! Oder wie Frau Walter, die Anschaffen geht, um ihrem Sohn sein Arztstudium zu finanzieren.“ erwiderte Sandra.

„Hört bitte auf euch wegen mir zu streiten! Es ist auch für mich nicht leicht dieses Scheiß-Hartz4-Leben mit euch zu teilen. Ich versuche doch nur das Beste aus dieser beschissenen Situation raus zu holen. Wenn ich schneidern kann, kann ich mich immer irgendwie unabhängig versorgen. Frau Walter hat Jahre lang nicht mehr in ihrem Job als Arzthelferin gearbeitet und ihr habt euch mit eurem Studium für den Arbeitsmarkt überqualifiziert. Die Chancen mit einem ordentlichen Handwerk durch zu kommen sind da um einiges größer!“,sagte Jenny und lief heulend in ihr Zimmer.

„Uff, das hat gesessen! Lizzy geh zu ihr und tröste sie. Deine Tochter braucht jetzt eine verständnisvolle Mama.“ ,sagte Sandra. Den Kommentar hätte sich Sandra sparen können, denn Lizzy lief schon hinter ihre Tochter her.

„Kind, Liebes! Verzeihe mir! Wir alle haben schwer an unserem Los zu knabbern. Und wie undankbar ich bin, ersparst du und Murad mir doch den demütigenden Weg zur ‚Tafel‘. Wenn du es dir so sehr wünscht, kommen Sandra und ich mit in die Moschee.“

Dann lagen sie sich in den Armen und heulten sich aus. Sandra stand mit nassen Augen im Türrahmen und dachte:

„Ich glaube, es wird sich bald vieles ändern. Ich muss auf meine beiden Lieben aufpassen, dass ihnen nichts passiert.“

Nachdem sich Jenny wieder gefangen hatte, sagte sie:

„Ich sage Murad Bescheid, dass ihr mitkommt. Selima soll etwas Ordentliches zum Anziehen für euch mitbringen.“

„Ich werde mich nicht verschleiern, Fräulein!“ sagte Lizzy, in ihr altes Klischee zurückfallend. Sandra sagte, etwas ungehalten:

„Halte doch einmal deine Klappe! Niemand will dich verschleiern. Ein langer Rock und ein Kopftuch werden wohl ausreichend sein!“

Sie gingen zurück in die Küche und frühstückten in Frieden zu Ende. Schon bald trudelten Murad und Selima ein. Er trug einen schweren Koffer und sagte:

„Mädels, Selima hat eine ‚kleine‘ Auswahl an muslimischer Kleidung für euch mitgebracht. Am besten ihr verzieht euch zur Anprobe in ein anderes Zimmer.“

„Bring den Koffer ins Schlafzimmer und dann setzt dich in die Küche und trink Kaffee. Wir Frauen müssen uns jetzt um wichtigeres als dich kümmern.“ knallte ihm Sandra mit einem herzlichen Lächeln vor den Kopf. Die Ironie ihrer Worte entging ihm nicht und er verzog sich mit einem süffisanten Grinsen in die Küche zurück. Selima legte die Kleider sorgfältig aufs Bett und die Frauen betrachteten sie neugierig. Lizzy und Sandra schnappten sich als erstes eins der kostbaren Kleider. Sie hatten lange weite Ärmel und waren Knöchel-lang. Dann suchten sie sich ihre Kopftücher aus, alle waren aus reiner Seide. Selima zeigte ihnen, wie man mit zur Hilfenahme eines Plastikschildchens einen Hauben-ähnlichen Hijab faltet. Dann zogen sie sich noch eine Überkopfabaya über und waren perfekt für einen Moscheebesuch bekleidet. Sandra und Lizzy betrachteten sich im Spiegel und fanden, was sie sahen, gar nicht so übel. Während die vier Frauen ins Wohnzimmer gingen, hörte man das leise Rauschen ihrer Stoffe. Es gab allem etwas Besonderes. Automatisch bewegten sich alle vier Frauen so, dass sie im Einklang waren. Selima gab Murad Bescheid, dass sie bereit waren. Dann gingen sie, Murad voran, zum Auto. Ihre kleine Prozession erregte in der Straße einiges an Aufsehen und Sandra dachte:

„Jo, Leute! Jetzt habt ihr mal wieder was zu quatschen.“

Murad fuhr ein zweitüriges Mercedes Coupe und so dauerte es etwas, bis die drei Frauen in den ungewohnt weiten Kleidern und Schleiern in den Fond des Autos eingestiegen waren. Doch dann endlich ging es los. An der Moschee an gekommen, lies Murad die Frauen zuerst aussteigen, um sich dann einen Parkplatz zu suchen. Selima sagte:

„Wir gehen schon mal rein, folgt mir.“ Sie betraten die Moschee durch den Seiteneingang, der den Frauen vorbehalten war. Sie zogen ihre Schuhe aus und Selima legte auch ihren Ruband ab.

„Hier haben Männer keinen Zutritt.“ erklärte Selima. Sandra fragte:

„Bilde ich mir es ein, oder sind viel weniger Frauen als Männer da?“

„Das Freitagsgebet in der Moschee ist für Männer Pflicht. Frauen können, müssen aber nicht. Wir werden uns jetzt vor dem Gebet rituell waschen und betreten dann den Gebetsraum. Ich und Jenny zeigen euch. Wie es geht.“

Endlich betraten sie den Gebetsraum und Selima sagte:

„Kniet euch hier auf den Teppich und schaut uns zu. Erinnert euch an etwas Schönem, dass euch passiert ist und dankt Gott dafür und huldigt ihm in Gedanken. Im Grunde machen wir auch nichts anderes, wenn man den ganzen Brimborium weg lässt! Denn ihr sollt euch und Allah erfreuen, dafür sind wir hier!“

Sandra dachte: „Was für eine verrückte Frau! Läuft öffentlich wie ein Schatten herum und hat gleichzeitig so eine kotterige Ruhrpotschnauze am Leib!“

Meine kleine Jenny wird erwachsen und sie meistert alle an sie gestellten Herausforderungen. Allah ich danke dir dafür und lobe dich für all die guten Dinge, die ich erleben durfte von ganzem Herzen.“ ,dachte Lizzy. Dann übermannte beide ein Glücksgefühl. Sie spürten den Schutz Gottes, die Sicherheit und die Geborgenheit einer Gläubigen im Islam. Nachdem die Gebete endeten, sagte Selima:

„ Wir gehen jetzt in die angrenzende Madrasa. Dort können wir etwas essen und ein wenig mit den anderen Frauen tratschen.“

Sie verließen die Moschee. Eine voll verschleierte Frau gefolgt von drei Frauen im Hijab und Abaya. An der Symmetrie ihrer Bewegungen war unschwer zu erkennen, dass sie zueinandergefunden haben. Dort lernten sie wirklich interessante Frauen, wie die Abiturientin Kamila mit ihrer Mutter Genna Böhm, kennen. Frauen aus der gehobenen Mittelschicht, die sich mit ihnen ohne Falschheit auf Augenhöhe unterhielten. Kamila erzählte ihnen, auf welch verschlungenen Pfaden sie zum Islam fand. Fasziniert lauschten sie ihrer Geschichte. Auch Selima Arslan gesellte sich zu ihnen. Als sie erfuhren, wer sie einst war, verschlug es ihnen die Sprache. Dann sagte sie, dass sie endlich schwanger sei und alle freuten sich mit ihr. Murad simste:

„Ich möchte aufbrechen. Auf mich wartet zu Hause noch Arbeit. Bitte geht zum Ausgang.“

Schnell tauschten sie noch ihre Handynummern und verabschiedeten sich, um zum Ausgang zu eilen. Sandra dachte noch für sich:

„Was ist denn nun los? Ein Mann ruft zum Aufbruch und wir Frauen stürmen los wie die Hühner. Na,ja! Eigentlich ist es ganz bequem sich mal leiten zu lassen, es macht mich auch irgendwie ein wenig wuschig.“ Murad wartete schon vor dem Ausgang im Auto und dieses mal hatten die Frauen den Einstieg in den Fond ohne Probleme bewältigt; scheinbar hatten sie sich an die voluminösen Kleider und Schleier gewöhnt. Zu Hause angekommen, ging Murad noch mit hoch, um den Koffer mit den restlichen Kleidern mitzunehmen.

„Murad warte! Wir ziehen uns schnell um, dann kannst du gleich alles mit nehmen.“ ,rief die immer besorgte Lizzy.

„Unsinn! Betrachtet es als ein Geschenk, als kleines Dankeschön für eure freundliche Toleranz uns gegenüber. Es war mir eine Ehre euch etwas von meiner Kultur zeigen zu dürfen. Ich wünsche euch noch einen schönen Tag.“

Dann war er auch schon fort und ließ drei angenehm überraschte Frauen zurück, die schon lange nicht mehr einen so einen schönen Tag erlebt hatten.

Ruband Teil 7

Jenny und die Familie Meiser:

 

Selima und ich arbeiteten an unseren Maschinen. Ich machte jetzt schon selbstständige Änderungsarbeiten, war aber froh, wenn Selima etwas aufpasste, das ich keine allzu großen Fehler machte. Ich war sehr glücklich in meinem neuen Job. Hier lernte ich an der Maschine und von Hand zu nähen. Selima sagte, sie wolle mir noch Häkeln, Stricken, Spitze klöppeln und feine Stickarbeiten beibringen und sie zeigte mir Videos auf Youtube, in denen aufwendig gestylte Hijab gezeigt wurden. Hier wurde mir erst die ganze Bandbreite des Schneiderhandwerks bewusst. Bis ich wirklich fit in meinem Job sein würde, meint sie, bräuchte ich wohl zwei Jahre.

Das Kerngeschäft war natürlich die Änderungsschneiderei und hier bemühte ich mich ehrlich darum, meine Naturalien zu verdienen. Selima gab mir verschiedene Stoffreste zum Üben, darunter war ein großes lachsfarbenes Satintuch. Es war mir zu schade, es nur für Übungszwecke zu benutzen. Daraus wollte ich mir was Schönes nähen, wenn ich mehr gelernt hätte. Ansonsten hatte ich mit Selinas Hilfe meinen kompletten Bestand an Kleidung in sittsame, muslimische Kleidung um genäht. So trug ich nur noch islamisch-korrekte Kleider und ohne Hijab fühlte ich mich schon fast nackt.

Die Gebete mit zu beten, war etwas ganz normales für mich geworden. Murad hat mir einen deutschen Koran geschenkt.

„Hier hast du einen Koran auf deutsch, den du abends zu Hause lesen kannst. Wenn du lernen willst, wie man das Original ließt, wäre ich gerne bereit, dich Freitags zu unterrichten.“ ,sagte er

„Dann willst du mir Arabisch beibringen? Richtig?“ frug ich.

„Genau! Ich mache aus dir und deinen ‚Müttern‘ noch richtige Muslimahs.“

 

Meine ‚Mütter‘, Lizzy meine leibliche und Sandra meine Stütze, wie sehr ich sie doch liebte. Auch sie hatten sich seit dem Moscheebesuch verändert. Lizzy war ruhiger geworden und nicht mehr so ängstlich. Sie schien ihre Krankheit mehr zu akzeptieren, sie fügte sich in ihr Schicksal. Dass sie schon bald unter ungeahnten Umständen geheilt werden würde, war damals für uns alle noch nicht erkennbar.

Sandra war stiller geworden. Sie ergoss sich jetzt nicht mehr bei jeder Lappalie in politische Statements und statt ihres Zynismus neigte sie jetzt mehr zu ironischen Zwischenbemerkungen.

Alles in allem wurde zu Hause viel mehr gelacht.

Gestern hatten wir Besuch von Ali und Aleyna Meiser und ihrer Tochter Samira. Ali unterhielt sich mit meinen ‚Müttern‘, während Aleyna sich für die ‚Jungen Patrioten‘ interessierte. Sie erzählte mir von ihrer Jugendarbeit in der Madrasa und wir beide erkannten viele gemeinsame Interessen beider Organisationen. Ich gab ihr einige Kontaktadressen und sie sagte, sie würde ein gemeinsames Treffen organisieren. Dann gesellte sie sich zu den Erwachsenen und ich hatte Zeit mich mit Samira anzufreunden.

Samira hatte gehört, dass ich Schneidern lernte und ich zeigte ihr einige meiner Arbeiten. Sie fragte:

„Hör mal, die Frau, die mit euch in der Madrasa war, trug einen seltsamen Schleier.“

„Ein Ruband.“,sagte ich.

„Eine türkische Version der afghanischen Burqa. Sieht toll aus, nicht wahr?“

„Ja, die Stickereien um die Augen sehen irre gut aus. Wenn ich ehrlich sein soll, ich dachte, du hättest vielleicht einen zum Ausprobieren.“,meinte sie.

 

Durch ein RuBand vereint:

 

Jenny + Samira

Ich simste Selima:

„Hallo Selima, hast du etwas Zeit für meine Freundin Samira und mich?“ „Aber sicher Liebes, kommt vorbei.“

Wir sagten unseren Leuten Bescheid, dass wir kurz zu den Arslan gingen, um Samira mit Selima bekannt zu machen und machten uns auf den Weg.

Selima wartete schon am Hintereingang auf uns. Wie immer wunderschön mit einem weißen Ruband und rosa Blütenkelche über den Augen.

„Kommt herein,“ ,sagte sie und führte uns in den Frauentrakt.

„Ich habe Aleyna in der Madrasa kurz kennengelernt. Und du bist ihre Tochter?“

„Stieftochter! Meine wahre Mutter hat mein Vater verstoßen, aber ich möchte ungern von mir erzählen, sondern der Grund meines Besuchs ist die Neugier. Ich möchte gerne deine Schleier ausprobieren.“

„Man nennt diese Schleier Ruband und gläubige Muslimahs tragen sie in dem Teil der Türkei, aus dem Murad stammt.“,erklärte ich ein wenig naseweis. Sie ging zu einem Schrank und brachte uns einige Exemplare. „Ich glaube Jenny hätte auch Lust einige zu probieren.“ ,meinte Samira mit einem wissenden Lächeln zu Selima.

„Immer zu! Lasst euch nicht aufhalten, Mädels! Ich gehe derweil uns Tee kochen.“,sagte Selima und verschwand. Samira nahm sich einen dunkelgrünen Ruband. Die Augen waren weiße, tropfenförmige Stickereien, die mit einem goldenen Rand verziert waren.

„Wow! Siehst du stark aus!“ ,sagte ich begeistert und griff mir den hellblauen mit lila Pflanzenkelchen.

„Fantastisch, wie du dich verändert hast. Jenny ist mit einem Schlag verschwunden und hat sich in eine wunderschöne Muslimah verwandelt.“ ,hauchte Samira bewundernd. Unsere Sicht war allerdings sehr stark begrenzt. In dem normal ausgeleuchteten Raum verschwamm alles, das weiter als einen Meter entfernt war und uns wurde ganz schön warm. Aber wir betrachteten uns im Spiegel und konnten uns an uns nicht satt sehen, wir fanden uns wunderschön. Bis Selima mit dem Tee kam hatten wir noch einige andere Ruband probiert, aber kamen wieder auf die ersten zurück.

„Mashallah! Zwei ehrenwerte, sittsame Muslimahs habe ich zu Besuch. Was für eine Ehre!“ ,sagte Selima lachend, als sie uns Tee mit Gebäck servierte.

„Wartet, ich lege mir meinen Ruband auch an und zeige euch, wie man damit Tee trinkt und Kekse isst!“

Sie legte den linken Arm unter den Schleier und hob ihn leicht an bis sie ihr Teeglas zum Mund führen konnte. Dann trank sie. Beim ersten Versuch verlor ich, ohne Blickkontakt zu haben, leicht die Orientierung, aber wir schafften es trotz allem ohne zu kleckern. Danach ging es immer besser. So saßen wir drei tief verschleiert zusammen und erzählten uns gegenseitig unsere Geschichten. Wir vergaßen die Zeit. Währenddessen meldete Lizzy sich bei Murad und frug, ob sie mit ihrem Besuch bei ihnen auftauchen dürfe, um die Mädels einzusammeln und sie hätte noch bergeweise Kuchen über, den sie gerne mitbringen möchte. Murad rief durch die geschlossene Tür:

„Jenny, deine ‚Mütter‘ kommen gleich mit ihrem Besuch, um euch abzuholen.“ und verschwand.

„ Ich glaube, ich koche noch mal Tee.“,sagte Selima und verschwand.

„Ich finde deine Freundin einfach toll! Ich habe sie direkt lieb gewonnen.“,sagte Samira.

„Freundin und Chefin! Ich bin ja so froh, hier arbeiten zu dürfen. Murad liebe ich, wie eine Tochter ihren Vater.“ ,sagte ich ihr.

„Eure Familien warten im Wohnzimmer auf euch. Dort serviere ich den Tee. Also kommt mit.“ rief uns Selima zu.

Wir hatten unsere Ruband vollkommen vergessen und als wir das Wohnzimmer betraten, schauten wir in fragende Gesichter.

„Hallo, wir sind es!“ ,sagte Samira geistesgegenwärtig.

„Wir haben Selimas Ruband probiert und dabei ganz vergessen, sie ihr zurückzugeben. Wir haben euch hoffentlich nicht zu sehr geschockt?“

„Hi! Ich bin‘s, Jenny!“ und hob die Hand.

Lizzy war verärgert und sagte: „Spinnt ihr, eure Kopftücher kann ich noch tolerieren, aber runter mit den Schleiern!“

„Mama, beruhige dich! Wir waren doch nur neugierig und ein bisschen eitel. Bitte, nimm doch nicht immer alles gleich so ernst.“ ,sagte ich, aber ich nahm meinen Ruband nicht ab.

Sandra und Genna kamen näher, um die Ruband näher zu betrachten. „Sieh doch nur, wie aufwändig und edel diese Schleier gefertigt sind, Lizzy.“

Lizzy kam näher und beruhigte sich. Früher hätte sie sich da rein gesteigert und hätte nicht aufgehört zu jammern. Sie hatte sich wirklich sehr verändert und zwar zu ihrem Vorteil.

„Ihr habt recht, sie sind wirklich wunderschön. Aber Kind, kannst du denn überhaupt was sehen und kriegst du auch genug Luft?“ Die Liebe machte sich immer Sorgen, um mein Wohlergehen.

„Muttchen, alles ist gut! Wenn wir gehen ziehe ich den Ruband aus, okay?“ Wir saßen noch ein Stündchen zusammen und ich fühlte mich in Gegenwart von Ali und Murad mit Ruband bedeckt ausgesprochen wohl. Tief in mir wusste ich, dass ein Ruband zu tragen für mich genau das Richtige war. Ich habe doch noch dieses lachsfarbene Tuch, dass soll mein erster selbst gemachter Ruband werden. Dann kam die Zeit des Aufbruchs und wir gingen zurück in den Frauentrakt. Schweren Herzens legten wir unsere Ruband ab. Samira und ich dankten Selima und drückten sie, bis ihr die Luft weg blieb.

Meine ‚Mütter‘ und ich begleiteten die Familie Meiser zu ihrem Auto und wir verabschiedeten uns herzlich. Am nächsten Freitag werden wir wieder zum Freitagsgebet in die Moschee kommen und uns dann in der Madrasa wiederzusehen. Es war ein sehr langer Tag, speziell für meine behinderte Mutter, und wir waren hundemüde. Ich machte mich fertig für die Nacht und fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Ruband Teil 8

Sechs Monate später

Aleyna Meiser:

 

Das Treffen mit den ‚jungen Patrioten‘ war sehr aufschlussreich. Ich hatte mir zur Verstärkung meine Stieftochter Samira mitgebracht. Sie hatten sehr viele gute Ideen und auch wir brachten unsere Erfahrungen mit ein. Sie sind in der Mehrzahl normale westlich orientierte jugendliche, die von den Auswirkungen des Hartz4-Dilemmas voll betroffen sind. Ich glaube, ihre Dynamik wird auch meinen Jugendlichen mehr Ansporn geben. Denn ihre Wut war überall in ihren Äußerungen zu spüren. Wir haben uns darauf geeinigt, die nächsten Treffen aus Platzgründen in unserer Madrasa stattfinden zu lassen. Die Aussicht von der Bruderschaft in ihrer beruflichen Karriere unterstützt zu werden, war groß. So trennten wir uns und freuten uns auf ein baldiges Wiedersehen.

„Du, Mama, wo wir gerade in der Nähe sind, lass uns noch die Arslan besuchen. Jenny hat jetzt da ein eigenes Apartment, das muss ich sehen und auch Selima freut sich bestimmt dich wieder zu sehen.“

Wenn sie mich Mama nennt, geht mir das Herz auf. Das ich nach einem beschissenen Leben, voller Hass, doch nochmal so geliebt werden konnte, dafür werde ich Allah ewig danken.

Samira war an Ruband und weniger an Jennys Apartment interessiert. Aber was soll‘s? Ein bisschen Smalltalk mit Selima bei einer Tasse Tee, kam mir gerade recht. Ich simste ihr:

„Bin mit Samira in der Nähe. Würde dich gerne besuchen,okay?“

„Ich freue mich!“ antwortete sie. Wir machten uns auf den Weg und als wir nach fünf Minuten am Hintereingang ankamen, warteten Selima und Jenny, beide bis zur Unkenntlichkeit verschleiert, schon auf uns. Sie baten uns herein zu kommen und wir gingen direkt in den Frauenflügel. Dort entledigten sie sich ihrer Ruband und Handschuhe und wir begrüßten uns ausgiebig.

„Jenny, trägst du jetzt immer Ruband?“ ,frug Samira.

„Ich heiße jetzt Gadi und bin konvertiert. Ja ich trage meinen Ruband immer außerhalb des Frauenflügels.“ ,sagte sie.

„Du Glückliche! Wir Mitglieder der Bruderschaft dürfen aus politischen Gründen unsere Gesichter nicht mehr verschleiern.“,sagte ich mit etwas Wehmut.

„Es dient einem höheren Zweck, also wollen wir uns nicht beschweren!“ „Setzt euch, meine lieben Freunde und lasst uns Tee trinken.“,forderte Selima uns auf.

„Ich bin fürchterlich neugierig auf Jennys, äh ich meine Gadis Apartment. Macht es euch etwas aus, wenn ich mich mit Gadi in ihr Zimmer verziehe?“ bat Samira.

„Nein, geht nur. Ihr würdet euch mit uns doch nur langweilen.“,sagte Selima. Gadi und Samira: Samira sagte:

„Das ist aber ein hübsches Apartment!“

„Nicht wahr! Du wirst nicht glauben, wie hübsch erst meine Ruband sind!“ neckte Gadi und beide lachten wissend.

„Gehe zum Schrank und bediene dich.“,sagte sie. Das ließ sich Samira nicht zweimal sagen.

Sie nahm sich einen nach den anderen und war begeistert.

„Nicht einer gleicht dem anderen und allen sieht man an, dass nur du sie gemacht haben kannst. Du hast wirklich ein unglaubliches Talent.“sagte Samira.

„Was sagst du, soll ich den grünen oder den lachsfarbenen anprobieren? Der grüne ist wunderschön, aber der lachsfarbene hat so ein dezentes Rosa und die weißen Strasssteine machen ihn irgendwie zu etwas ganz besonderem.“

Als Gadi ihr noch passende Handschuhe dazu reichte, fühlte sich Samira wie im Himmel.

„Na komm schon, zieh es an und dann gehen wir runter zu den Frauen.“ Und wieder verschwand Samira, um einem neuen, exotischen Wesen Platz zu machen. Wie ein Geist schwebte sie zu den Frauen ins Wohnzimmer. Beiden Frauen blieb die Spucke weg, als sie diese majestätische Erscheinung sahen. Selima fing sich zuerst und fragte: „Gadi, Schatz, hast du das genäht? Das ist unglaublich schön! Wann hast du das denn gemacht?“

„Nachts, wenn alle schliefen. Es freut mich, wenn dir meine Arbeit gefällt.“ Selima sagte: „Schnappe dir deinen Ruband, wir müssen das unbedingt Murad zeigen.“ Sie gingen nach unten und Selima rief:

„Murad, kommst du bitte einmal. Ich möchte dir etwas zeigen.“

„Was ist denn, oh wir haben Besuch, willkommen Aleyna und wer ist die Dame in diesem unglaublich schönen Gewand?“

„Ich bin es, Samira, Aleynas Tochter.“

„Ich grüße auch dich, Samira. Selima, was ist denn so besonderes?“ „Siehst du es nicht? Schau dir den Ruband mal genauer an. Er ist ein Traum!“,sagte Selima.

„Du hast Recht, bei genaueren Hinsehen, er ist wirklich etwas besonderes. Wer war der Künstler?“

„ Gadi hat sich die Nächte um die Ohren geschlagen und dieses Kunstwerk geschaffen.“ ,sagte Selima.

„Samira, gehe bitte mal auf und ab. Es scheint als würde der Schleier sich mit jeder Bewegung etwas verändern.“ ,meinte Murad.

„Fantastisch, hast du noch mehr Ruband genäht?“

„Sie hat in ihrem Apartment mindestens noch zehn andere.“ fiel ihr Samira ins Wort.

„Ich will alle sehen. Wir machen ein Catwalk. Wenn du Lust hast? Mach mit ,Aleyna.“ ,sagte er. Die Frauen verschwanden, um dann einzeln vor Murad auf zu laufen, der ihnen Anweisungen gab, welche Bewegungen sie machen sollten. Als er alles gesehen hatte, sagte er:

„Jeder Ruband ist anders und doch erkenne ich die Handschrift einer Künstlerin. Gadi du bist mit einer fantastischen Gabe gesegnet, Lob sei Allah!“

Gadi wurde alles zu viel. Sie rannte in ihr Zimmer. Samira sagte:

„Die Ärmste, dass war vielleicht etwas zu viel auf einmal. Ich kümmere mich um sie!“ und ging. Seltsam berührt setzten sich die Frauen und Murad und warteten geduldig. Dann kamen sie zurück.

„Entschuldigt, aber ich habe nur Ruband geschneidert, wie ich glaubte, wie sie aussehen müssten. Ich fühlte von eurer Begeisterung irgendwie überfahren. Ihr glaubt wirklich, dass meine kleine Arbeit so etwas besonderes ist? Ich würde mich freuen, wenn ich jeder von euch Frauen einen Ruband schenken dürfte. Der lachsfarbene ist allerdings für Samira reserviert!“

Aleyna und Selima behielten den, den sie schon an hatten. Samira stürzte sich auf Gadi und umarmte sie heftig. Dann lief sie nach oben, um sich ihren Schatz zu sichern. Dann war es Zeit für Aleyna und Samira aufzubrechen. Sie versprachen sich ein baldiges Wiedersehen und dann fuhren sie fort.

 

Lizzys Glück 

Jetzt arbeite ich schon fast ein Jahr als Schneiderin für Murad Arslan. Ich habe meine Bestimmung gefunden. Seine Frau Selima, meine Chefin und beste Freundin ist voll des Lobes. Das Auftragsbuch ist randvoll. Es arbeiten seit einigen Monaten noch zehn Aushilfen hier und ich habe nun eine sehr gut honorierte Festanstellung und bin offiziell von zu Hause ausgezogen und habe meinen Wohnsitz bei Arslan.

- Um die Hartz4-Bezüge meiner Mütter nicht zu gefährden, sind solche hirnlosen Klimmzüge unvermeidbar. Armut genießt hier, wie überall eine gewisse Wertschätzung‘ seitens unserer Behörden.

Zumal ich heute scheinbar eine Künstlerin bin. Meine Ruband werden international geordert und praktisch als besonderes Event auf Moden-schauen vorgeführt. Ich bin sehr stolz darauf, aber ich bin nur bereit noch mehr Modelle zu fertigen, wenn meine Anonymität gewahrt bleibt. Die Arbeit fällt mir sehr leicht. Ich mache Zeichnungen und lasse die Ruband vor fertigen. Ich selbst gebe ihnen dann den letzten Schliff. Ich bin vor einem halben Jahr zum Islam konvertiert und nenne mich jetzt Gadi, d.h. mein Glück, und bin in der Öffentlichkeit voll verschleiert, ich trage einen Ruband. Lizzies Begeisterung darüber hält sich bis heute in Grenzen und Sandra äußerte gewisse Bedenken; sie meinte, dass ich es vielleicht ein wenig übertreibe. Komisch! Jeden Freitag rennen sie mit Hijab und Abaya bekleidet, in die Moschee zum Gebet und danach verbringen sie den ganzen Tag in der Madrasa.

„Es tut so gut, einmal in der Woche beim Gebet zu entspannen und danach sich mit unseren Freundinnen in der Madrasa zu verabreden und vor allen Dingen ist alles kostenlos.“,sagten sie. Sie hatten ja recht. Wenn man von Stütze lebt, hat man nur wenig Möglichkeiten sich zu amüsieren. Nein! Sie hatten sich schon sehr verändert. Man konnte merken, wie entspannt sie jetzt waren:

Lizzy war nicht mehr so eine Heulsuse, die bei jeder Gelegenheit jammerte und Sandra verlor immer mehr ihre Aversionen gegen ihre Mitmenschen, sie wurden freundlicher und umgänglicher.

Sandras Sarkasmus wich von mal zu mal einer feinen Ironie.

Ibrahim Arslan hatte gegenüber meiner Mutter angedeutet, dass in den ägyptischen Kliniken der Bruderschaft verschiedene Lähmungen schon geheilt worden seien. In Berlin wurde gerade ein neues Klinikum der Bruderschaft eröffnet und wenn sie möchte könnte sie sich dort kostenlos untersuchen lassen. Als ich das auf der Arbeit erzählte, bot Murad an, die Reisekosten nach Berlin zu übernehmen.

Wie jeden Nachmittag nach Feierabend machte ich mich auf den Weg zu meinen Mammies. Sorgfältig legte ich mir meine Abaya an, fixierte alles mit meinem Ruband. Nachdem ich genauestens kontrolliert hatte, dass ja kein Stückchen nackte Haut zu sehen war, zog ich mir noch die Handschuh über und machte mich auf den Weg .

„Lizzy, Sandra! Ich bin es!“,rief ich als ich die Wohnung betrat. Bei den beiden konnte man nie wissen, ihr wisst schon was ich meine! Dann ging ich direkt in die Küche und setzte Teewasser auf.

„Es ist kein fremder Mann da. Du kannst deinen Schleier ablegen.“, sagte Sandra und ging zur Kaffeemaschine. Unsere ‚Intellektuelle‘ trank literweise Kaffee, selten Tee und sie rauchte wie ein Schlot, aber nur auf dem Balkon. Ich nahm sie in den Arm und drückte meinen geliebten ‚Aschenbecher‘ herzlich.

Als ich mich in der Garderobe meiner Schleier entledigte, kam auch schon Lizzy, um mich zu begrüßen.

„Ich habe gute Nachrichten für dich, aber lass mich erst meinen Tee genießen!“ ,sagte ich. Als wir es uns gemütlich gemacht hatten. Ich hatte meinen Tee getrunken und Sandra kam mit leerer Kaffeetasse vom Balkon, erzählte ich.

„Also, Murad sagt, du fährst sofort nach Berlin, er übernimmt die Reisekosten für euch beide. Er hat euch schon einen Hotelplatz bei einen seiner Verwandten in Berlin gebucht. Er meinte, wenn ihr euch pikiert Geschenke anzunehmen wird er euch den Hintern versohlen. Basta!“

„Na, mir hat schon lange kein Mann mehr den Hintern versohlt, könnte mal wieder richtig nett sein!“,typisch Sandra.

Ich sagte: „Es ist schon alles vorbereitet. Ihr fahrt Montag morgen um 8:00 Uhr mit dem Intercity nach Berlin und sie erwarten sittsame Kleidung; also Hijab und Abaya sind Pflicht! Okay?“

Sie hatten sich wirklich sehr verändert. Früher hätte ich es nie gewagt, so mit ihnen zu reden. Allein ihnen vorzuschreiben, was sie anziehen sollten, hätte zu massiven Streitereien geführt. Jetzt schienen sie sich darüber zu freuen, dass ihnen gesagt wurde, was sie zu tun hatten. Dann verschwanden sie in die Küche, um für uns zu kochen.

Ich wollte nicht allein im Dunkeln zurück in mein kleines Apartment gehen, deshalb verließ ich sie schon früh nach dem Essen. Denn im Winter wurde es früh dunkel. Eigentlich sollte ich als gute Muslima nur in Begleitung auf der Straße sein, aber es sind doch nur hundert Meter. Ich wusste, dass ich mir keine Sorgen machen musste, denn ich stand in unserer Straße unter dem Schutz der Bruderschaft, Allah segne sie. Ich will euch von einem kleinen Vorfall erzählen:

Ich war, wie üblich nach meinem Besuch bei meinen Mammies, auf dem Weg nach Hause – es dämmerte schon - , als ein Cabriolet neben mir langsam herfuhr und junge Typen meinten mich beleidigen zu müssen: „He, Schleiereule! Willst du ficken. Ich fick dich in deinen Moslemarsch...“ und so weiter. Ehe sie sich versahen, waren sie von meinen Brüdern mit ihren Wagen eingekeilt. Ich musste sofort in einen ihrer Wagen einsteigen, doch ich sah noch wie einige kleiderschrankförmige Brüder sich den Idioten ‚liebevoll‘ widmeten, bevor wir um die nächste Kurve bogen. Ich musste mir zwar noch eine kleine Strafpredigt anhören, dass eine anständige Muslima allein nichts auf der Straße zu suchen hätte, aber sie wussten, wer ich war und tolerierten meine Angewohnheiten. Es ist wirklich ein gutes Gefühl sich immer beschützt zu wissen.