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Alles in deinem Namen

Lisa Nahles:

Selima und Aleyna waren gegangen und ich saß noch mit meiner besten Freundin Gadi zusammen.

„Was denkst du, Gadi, soll ich mehr muslimische Inhalte in meine Videos einbauen?“, frug ich sie.

„Natürlich, der Islam hat dich doch längst erreicht. Wenn deine Videos deinen Weg zum wahren Glauben aufzeigen, werden vielleicht auch andere Jugendliche, die auf dem Weg sind, ermutigt werden. Ich glaube es wird Allah gefallen.“

„Wie? Du glaubst ich will Muslimah werden? Das ist doch nicht dein Ernst!“, ich war leicht geschockt.

„Weißt du noch, wie wir uns bei den ‚Jungen Patrioten kennengelernt hatten, wie du da getickt hast? Glaubst du nicht ich hätte nicht bemerkt, wie du dich verstellt hast und im Restaurant, was du da für eine Show abgezogen hast, glaubst du wirklich, wir haben nicht gemerkt, wie du versuchtest uns zu manipulieren?“, knallte sie mir vor den Kopf. Das musste ich erst mal verdauen.

„Ja. Du hast recht. Damals dachte ich, alles muss meiner Karriere nützen. Heute denke ich, dass es auch noch etwas anderes im Leben geben muss. Unsere Freundschaft ist mir heute viel wichtiger, als idiotische Videos, in denen ich die Kits zum Konsum verlocke. Ich glaube, ich habe noch ein wenig Angst vor dem Neuen. Gib mir etwas Zeit und ich will darüber nachdenken, was du mir gesagt hast.“, sagte ich.

„Du, für heute hatten wir genug Tee.“ Ich stand auf. „Ich habe noch einige Dosen Cola im Kühlschrank, was denkst du?“

„Ja, prima! Es muss Ewigkeiten her sein, dass ich das braune Zuckerwasser getrunken habe und denke an die Strohhalme!“, rief sie mir hinterher.

„Strohhalme?“

, dachte ich noch, als ich am Ganzkörperspiegel in der Diele vorbei kam. Ich hatte meine Schleier vollkommen vergessen. Wie kann das sein? Selbst an die eingeschränkte Sicht durch die winzigen Stickereien hatte ich mich so gewöhnt, dass ich es nicht mehr wahr nahm. Ich verharrte vorm Spiegel und betrachtete diesen Kegel. Wenn ich mich bewegte, wechselten im Licht kaum merklich die Farben meiner Schleier. Stand ich bewegungslos da, sah ich plötzlich mich und es schoss mir durch den Kopf, was Gadi zu mir gesagt hatte: „...Islam hat dich doch längst erreicht...“ Plötzlich war meine Angst verflogen. Ich fühlte mich frei und beschützt unter meinen Schleiern. Ich bemerkte erst, dass Gadi sich mir näherte, als sie meine Hand nahm. Eine Weile standen wir noch still vor dem Spiegel. Es bedurfte keiner Worte mehr für mich, ich war angekommen und war glücklich, wie noch nie in meinem Leben.

„Gadi! Ist das, was in mir spricht, Gott?“

„Allah, um genau zu sein. Es ist eine spirituelle Erfahrung, ein Geschenk. „Es wird Zeit für mich zu gehen. Ich muss noch meine Gebete sprechen. Möchtest du vielleicht mit mir kommen? Ich möchte dich jetzt nicht allein lassen! Wir könnten zusammen beten und du bleibst über Nacht?“, frug sie mich.

Allein und einsam in meinem Appartement hocken, wollte ich nun wirklich nicht. Ich nickte, dankbar.

„Dann komm, lass uns hier alles aufräumen und dann gehen wir zu mir. Doch eine Frage vorweg, möchtest du, dass ich dich lehre den Weg zum wahren Glauben zu finden?“

„Ja, bitte!“

"Dann gebe ich dir einen ersten Rat! Egal was auch immer du ab jetzt tust, frage dich immer, ob es Allah gefällt und sage dann: ‚Alles in deinem Namen“,dann sammele dich noch für ein bis zwei Sekunden.“ riet sie mir. Bevor wir den Tisch abräumten und in die Küche gingen, um das Geschirr abzuspülen, sagten wir gemeinsam: ‚Alles in deinem Namen‘.

Es war seltsam und irgendwie schön mit meiner Freundin zu arbeiten, beide tief verschleiert und stumm. Ich wollte mir etwas zum Anziehen für die Nacht einpacken, aber Gadi sagte nur: „Zahnbürste reicht alles andere kriegst du von mir.“

Als wir auf die Straße traten, erinnerte sie mich und wir flüsterten wieder: ‚Alles in deinem Namen‘ und weil die Leute uns anstarrten wurde mir erst wieder bewusst, dass ich verschleiert war. Gadi flüsterte mir zu:

„Sieh nur, wie die Leute deine Schleier bewundern. Aber du bist ja auch wunderschön in ihnen.“

„Das ist jetzt aber definitiv deine Schuld!“ erwiderte ich scherzhaft, aber auch ein klein wenig stolz. Es war schon seltsam in der Öffentlichkeit tief verschleiert zu sein. Niemand konnte erkennen, wer du warst. Du konntest jede X-beliebige Frau sein und genau darum ging es wohl, begriff ich jetzt. Hier gehörtest du nicht mehr hin. Warum muslimische Frauen nie ohne Begleitung unterwegs sind, wurde mir schlagartig klar. Es war einfach nur richtig, denn es gefiel Allah. 'In deinem Namen!'

Wir gingen ruhig mit leicht gesenkten Kopf zu Gadis Wohnung. Bevor wir ihre Wohnung betraten, sagte ich von ganz allein: ‚Alles in deinem Namen‘. Sie ging direkt zu den Fenstern und zog die Vorhänge zu. Erst dann legten wir unsere Ruband und Khimar ab. Gadi schaute mich an und lachte.

„Schau mal in den Spiegel.“, sagte sie. Ein hochrotes, kleines Dreieck mit verschmierter Schminke schaute aus den Schleiern in den Spiegel.

„Geh dich duschen. Ich lege dir alles für die Nacht raus.“ Danach trug ich, wie Gadi, ein langes weißes Nachthemd mit Überkopfabaya.

Sie hatte kaum Möbel. Nur Kissen und einen niedrigen Tisch befand sich im Wohnzimmer. Ich konnte keinen TV oder eine Hi-Fi Anlage entdecken. In einer Ecke sah ich einen besonders wertvollen Teppich und davor ein niedriges Gestell mit dem heiligen Koran darauf. Es war ihre Gebetsecke. Sie war genau nach Mekka ausgerichtet. Gadi holte für mich einen zweiten Teppich und dann unterwies sie mich in die Gebete. Nicht ohne vorher ‚Alles in deinem Namen‘ gesagt zu haben. Dann betete ich, ich glaube zum ersten mal in meinem Leben.

Die Zeit bis zum Abendbrot nutzten wir, um im Koran zu lesen. Nachdem wir gegessen hatten und die Küche aufgeräumt hatten, quatschten wir noch ein wenig. Dann beteten wir und gingen zu Bett. Eng aneinander gekuschelt lagen wir da und ich musste plötzlich heulen, wie ein Schlosshund.

„Lisa, was hast du?“, frug Gadi besorgt.

„Weltschmerz, nichts Schlimmes, habe ich schon mal.“, schniefte ich. „Lass uns reden, Mädchen, aber nur, wenn du möchtest.“

Und zum ersten mal in meinem Leben vertraute ich mich einem anderen Menschen an. Ich erzählte ihr, dass ich ein Einzelkind war und schon als Baby von meinen Eltern tagsüber im Hort abgegeben wurde. Sie hatten nie Zeit für mich und nie in meinem ganzen Leben habe ein Bett mit jemanden geteilt. Ich war immer nur allein und einsam. Während ich mich aussprach, lag ich in ihren Armen, es war nichts sexuelles, es war reine, geschwisterliche Liebe.

„Das erklärt dein extrovertiertes Verhalten. Du hast Angst davor gemocht zu werden und musst dich trotzdem permanent vor anderen produzieren. Du hast eine dicke, fette Verhaltensstörung! Du brauchst dringend menschliche Zuneigung und vor allem Kontrolle. Ich möchte dir wirklich gerne helfen, denn du bist mir ans Herz gewachsen, wie eine Schwester, die ich nie hatte.“, sagte Gadi.

Wir waren fast gleichaltrig, aber verglichen mit ihr, war der große YouPub-Star, also ich, unreif und dumm.

„Bitte, hilf mir! Was muss ich tun?“, frug ich.

„Bleib erst mal bei mir. Wir werden sehen!“ Sie war wirklich ein sehr starker Mensch und in der Geborgenheit ihrer Arme fiel ich in einen tiefen Schlaf: ‚Alles in deinem Namen‘.