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Gadi:

Lisa lebte nun bei mir. Sie war meine kleine Schwester geworden, obwohl sie fast ein Jahr älter war als ich. Sie hatte ihr Abschieds-Video bei YouPub hochgeladen. Sie sagte, sie könne sich nicht mehr ‚halbnackt‘ ablichten. Sie kleidete sich in ihrer Freizeit, wie ich, mit Ruband. Sobald sie das Schulgelände betrat, nahm sie schweren Herzens ihren Ruband ab. Im Sommer machte sie dann endlich Ihr Abitur und wurde achtzehn Jahre alt. Seitdem verfügte sie über ein sehr großes ererbtes Vermögen, dass ihre verunglückten Eltern ihr hinterlassen hatten. Trotz allem arbeitetesie, seit sie bei mir wohnte, als Aushilfe in Murads Schneiderei – unentgeltlich.

„Ich möchte zum Islam konvertieren und einen gläubigen Moslem heiraten.“,sagte sie eines abends zu mir.

„Konvertieren geht in Ordnung, aber meinst du nicht, dass es noch ein bisschen zu früh für eine Hochzeit ist?“ sagte ich.

„Gadi, ich hätte am liebsten schon mit sechzehn geheiratet. Morgen ist Freitag. Lass uns mit Murad und Selima zum Freitagsgebet die Moschee besuchen und ein Paar Stunden mit den Schwestern in der Madrasa verbringen.“, schlug sie vor.

Ich störte ungern die Arslans während ihrer Freizeit. Ich simste Selima und sie antwortete prompt:

„Kommt runter! Es gibt Kuchen!“ Selimas Kuchen war eine Klasse für sich. Es gab nichts Besseres. Mit wehenden Schleiern flogen wir zwei Schleiereulen die Treppen hinab und standen im Nu vor ihrer Tür. Sie öffnete uns und wir traten ein.

Es war jetzt nicht mehr zu übersehen, dass Selima im siebten Monat schwanger war. Wir beförderten sie ins Wohnzimmer und ich sagte:

„Du hast den Kuchen gebacken und wir bedienen euch. Hallo, Chefchen! Ich hab einen kleinen Anschlag auf dich vor!“, begrüßte ich Murad im Vorbeigehen.

„Da hat dein Boss aber mächtig Angst! Hallo Großmaul mit Mäuschen!“, erwiderte er dreist. Mich nannte er Großmaul, wegen meiner Ruhrpotschnauze und Lisa war unser Mäuschen. Ja! Genau die Lisa, die früher keine Party ausließ und sich immer in den Vordergrund drängelte. Jetzt war sie die Zurückhaltung in Person. Ein stilles Mäuschen, dass in Gegenwart eines Mannes nur noch piepst. Niemals hätte sie Murad direkt gefragt, ob er sie zur Moschee mitnehmen würde. Aber ich wusste sie wollte noch mehr von ihm. Wir setzten uns zusammen bei Kaffee, Tee und Selimas unvergleichlichen Kuchen. Selima und Lisa wie immer still und Murad und ich bei der Ballabgabe (Das bedeutet, dass wir uns gegenseitig kleine Verbal-Injurien zu spielten). Selima sagte mal aus Übermut zu Murad:

„Gadi ist die weibliche, jüngere und deutlich hübschere Variante von dir.“ „Gadi ist eine vorlaute, kleine Rotznase, aber du bist mein Weib und solltest dich nicht zu Respektlosigkeiten gegenüber deinem Mann hinreißen lassen.“

Und schwups verfiel sie wieder in totale Passivität. So frei und locker Selima auch war, wenn sie sich unter Frauen befand. War Murad auch nur in der Nähe wurde sie still. Also lag wieder alles an mir.

„Mein liebster Papa, darf ich dich bitten uns am Freitag in die Moschee mitzunehmen und du danach uns ein paar Stunden in der Madrasa gönnst.“ umgarnte ich ihn. Einerseits wollte er nicht von mir Papa genannt werden, doch andererseits schien ihn das doch richtig stolz zu machen und er konnte mir dann nichts abschlagen.

„Kind! Al Gossarah ist jetzt dein Vater und selbstverständlich nehme ich euch mit.“, sagte er.

„Al Gossarah ist wohl mein Stiefvater, dem, wenn es meine Mutter will, ich gehorchen muss. Aber die Liebe einer Tochter kann ich nur einmal verschenken und ich gab sie dir.“, sagte ich aus tiefstem Herzen. Er bekam nasse Augen und meine Tränen sah er nicht unter meinem Ruband. Ich stand auf, ging zu ihm und küsste seine Hand und berührte sie mit der Stirn, dann sagte ich:

„Ich bin keine Fremde, lieber Vater!“ Er verstand sofort, schenkte mir einen väterlichen Blick und schwieg.

„Da ist noch etwas, hier mit unserem Mäuschen. Sie braucht dringend einen männlichen Vormund.“, sagte ich dann. „Sie will konvertieren und heiraten. Ich kenne nur einen Mann, dem ich diese Verantwortung übergeben möchte. Du!“

„Das ist eine große Ehre für mich, aber glaubst du nicht, dass ein Imam oder zumindest ein Talib das übernehmen sollte?“

„Ein Vormund im Glauben mag eine gute Wahl sein. Doch um die junge Frau ein gutes Leben an der Seite eines guten und liebenswerten Mannes einzurichten, bedarf es wohl etwas mehr als nur Koran Kenntnisse.“

Ich wusste, jetzt habe ich ihn. Seine Eitelkeit führte ihn auf meinen Weg. Er war besser als Vormund für Lisa geeignet als ein Imam .

„Wie denkt Lisa darüber? Möchtest du, dass ich dein Vormund werde?“

Ein gepiepstes „Ja!“ mit einem heftig nickenden Schleier sagte alles.

„Und, wie denkst du darüber, Selima?“ frug er seine Frau.

„Gadi hat wie immer vollkommen recht!“, war ihre Antwort. „Sei mir herzlich willkommen, liebe Lisa.“

Am Freitag fuhren wir ohne Selima, ihr machte die Schwangerschaft genug zu schaffen, zur Moschee. Nach den Gebeten sprach Lisa im Kreis der Gläubigen die Shahada und wollte fortan Fida (die Aufopfernde) genannt werden. Dann bestellte der Imam Murad zu ihrem Vormund und Händchen haltend, ging ich mit Fida in die Madrasa, um mit allen Frauen unsere nun neue Schwester zu begrüßen.

Fida musste jetzt wie eine Tochter bei den Arslans leben. Für Selima war sie ein Segen, denn jetzt musste Fida der Schwangeren die schweren Arbeiten abnehmen. Und ich hatte meine kleine Wohnung wieder für mich allein. Das war auch gar nicht so schlecht. Ich fand nun endlich die Ruhe über meine Zukunft nachzudenken. Ich hätte Murad auch darum bitten können, mein Vormund zu werden. Aber ich vermisste meine Lizzy, meine Mama, auch wenn sie jetzt Safiye hieß und stumm in Purdah lebte. Aber ich konnte nur bei ihr als die Tochter al Gossarahs leben und das bedeutete auch für mich ein Leben in Purdah. Das machte mir auf der einen Seite Angst, auf der anderen Seite reizte mich ein Leben ohne Verantwortung und vollkommen abhängig von einem Mann zu sein, machte mich ganz wuschig. Ich musste mich ja nicht sofort entscheiden. Ich werde Lizzy nächstes Wochenende besuchen. Kurz bevor ich zu Bett ging, direkt nach dem Nachtgebet schrieb mir Sandra:

„ Liebes Kind ich muss mich leider ganz von dir verabschieden. Mein Mann will, dass ich mich mehr vom weltlichen fernhalte und einen streng religiöses Leben führe. Ich wünsche dir alle Gute und ein schönes Leben. Deine Mama Sandra.“

Ich fühlte mich plötzlich so allein und mir wurde mit einem Schlag klar, was ich wollte, nämlich das, was ich immer tat, mich kümmern. Dann fiel ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.