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Hallo, ich heiße Caroline Lichter – kurz Caro. Ich bin Musikstudentin und gebe Privatstunden und jobbe im Fitnesscenter, um über die Runden zu kommen. Ich suche schon seit Monaten verzweifelt eine bezahlbare Wohnung in Köln. Die Hin – und Herfahrten zwischen Langenfeld, meinem Wohnsitz und Köln zum Studium reißt jeden Monat ein großes Loch in meine Haushaltskasse und meinem GTI merkt man langsam sein Alter an.

Ich hatte ihn beim Tanken kennengelernt. Es war am Mittwoch. Ich stand voll unter Dampf. Ich hatte noch einen Besichtigungs-Termin für eine Wohnung in Köln, der Tank war leer und es war schon 15:00. Also kurz vor Stautime! Und was machte ich blöde Kuh? Ich dummes Blondchen kippte Diesel in meinen GTI. Besser gesagt, ich hätte beinahe, denn der Typ hinter mir, nahm mir sanft aber bestimmt die Zapfpistole aus der Hand und fragte ganz charmant:

„Ich nehme an, ihr GTI ist ein Benziner?“

„Fuck, ja! Würden sie mich jetzt bitte tanken lassen? Ich habe es eilig!“,fauchte ich ihn an.

„Nun, wenn Sie Diesel tanken, werden Sie bald jede Menge Zeit haben!“ ,erwiderte er.

Schluck! „Ich glaube, ich schulde Ihnen was. Das wäre ein teurer Spaß geworden.“ ,bedankte ich mich kleinlaut.

„Ein Date wäre fantastisch! Darf ich Ihnen meine Karte geben?“ Ganz schön nass forsch der Herr, aber er sah wirklich gut aus und hatte diese männliche Aura, er schien ein richtiger Kerl zu sein. So etwas lässt man in Zeiten von Gender-Bender und schönen, schwulen Männern nicht einfach abziehen, zu mal ich schon wieder viel zu lange Solo war; aber ich hatte es wirklich eilig.

„Schauen wir mal.“,nahm seine Visitenkarte, sprang in mein Auto und fuhr zur nächsten Benzinsäule.

Pete Lagerfeld - Marketing Management - Müller Immobilien las ich, während ich tankte und steckte sie zu den anderen Karten. Ich hatte gerade gezahlt, drehte mich um, um los zu stürmen, da rannte ich meinem Retter fast in die Arme.

„Entschuldigung!“ ,sagte ich und sah ihm in die Augen - meergrün. Schon wieder: Schluck.

Und er:  „Jeder Zeit! Es ist mir immer ein Vergnügen von Ihnen über den Haufen gerannt zu werden!“ Wir mussten beide lachen und ich war drauf und dran meinen Termin sausen zu lassen. Doch er sagte besorgt:

„Ich dachte Sie sind in Eile?“ Ich merkte, wie ich Farbe ins Gesicht kriegte, wandte mich schnell von ihm ab und rief ihm leichtsinniger Weise zu:

„Wir sehen uns!“

Auf meinen Weg zur Autobahn kam im Radio eine Stauwarnung für die A1. Ein LKW war umgekippt und seine Ladung ausgelaufen. Das war es dann für heute. Ich sagte meinen Termin in Köln ab und fuhr ziemlich frustriert nach Hause. Ich textete meiner BFF:

„Celina, Süße, hast du Lust auf eine Runde Muckibude?“ Sie antwortete:

„18:00 Uhr okay?“

„Okay!“ Ich jobbte im Fitnesscenter auf einen 400er, meistens am Wochenende und Mittwochs ist für die Herren der Schöpfung hier Tabugebiet. Die Idee dazu ist auf meinem Mist gewachsen und das kam so:

Es war an einem Sonntagmorgen beim Bäcker. Wie immer kaufte ich frische Sonntags-Brötchen und wie immer bediente mich Jutta. Sie ist die Tochter des Hauses und meine Klavierschülerin. Und statt ihrer kastanienbraunen Haare, umrahmte ihr hübsches Engelsgesicht ein großes Tuch bunter Seide.

„Hei, Jutta! Habe ich die neueste Moderichtung verpasst?“, frug ich sie.

„Exakt! Liebste Klavierlehrerin! Das ist die neueste Mode!“ bekam ich zur Antwort.

„Dann gib mir bitte meine Bestellung.“, und als ich ihr das Geld überreichen wollte, kam ihre Mutter mit einem Korb Brot aus der Backstube, auch sie war umhüllt von Seide.

„Hallo, Frau Schreiber! Wie geht es Ihnen?“ grüßte ich.

„Hallo, Caro! Gut, dass ich dich sehe. Ich habe leider keine guten Nachrichten für dich! Ich möchte Jutta vom Musikunterricht abmelden.“

„Warum? Sie macht doch so gute Fortschritte!“ log ich. Sie war eine Katastrophe. Doch irgendwie musste ich ja mein Geld verdienen.

„Komm, Caro, dass wissen wir doch besser, oder nicht?“ sagte Jutta und ich konnte nur mit der Schulter zucken.

„Du bekommst selbstverständlich dein Geld für diesen Monat bezahlt und deine Brötchen sind heute umsonst.“, sagte Frau Schreiber und reichte mir einen Briefumschlag. Wie ich zu Hause feststellte, war er mehr als großzügig von ihr befüllt worden.

„Hast du heute Nachmittag vielleicht Zeit?“ frug Jutta.

„Du weißt doch, dass ich im Fitnesscenter arbeite.“, sagte ich.

„Gut, ich komme vorbei.“, sagte sie. Sie kam in Begleitung ihres Vaters. Es war für die Besucher unseres Fitnesscenters doch ein seltsames Bild, wie ihm eine verschleierte Frau mit drei Schritten Abstand folgte. Ich begrüßte die beiden. Er ignorierte mich völlig. Sie erzählte mir dann, dass sie und ihre muslimischen Freundinnen gerne trainieren möchten. Aber sie möchten nicht zusammen mit fremden Männern trainieren, ob wir nicht einen Tag nur für Frauen öffnen möchten.

„Um wie viele Frauen handelt es sich denn?“, frug ich sie.

„Ungefähr dreißig.“, sagte sie. Ich gab ihr einen Stapel Aufnahmeaufträge und sagte:

„Wenn ihr mit Mittwoch einverstanden seit, werde ich mich darum kümmern. Bring so viele ausgefüllte Anträge wie möglich.“ Es waren zwar am Ende ‚nur‘ fünfundzwanzig, aber am Mittwoch war das Fitnesscenter eh‘ leer und mein Chef war dankbar für jede Auslastung. Hätte ich mir die Anträge auch mal angesehen und sie nicht gleich zu Freddy durch gereicht, wäre mir so manche Überraschung erspart geblieben. Freddy ist der Besitzer und auch ein väterlicher Freund. Er zahlte für abgeschlossene Zwei-Jahres Verträge eine ordentliche Provision zusätzlich und, wenn ich ehrlich bin, hatte er mir schon oft mein Popöchen gerettet.