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Celina und ich trafen uns wie immer im Foyer des Fitnesscenters. Dort hingen auch alle unsere Freundinnen ab. Nach einem Rundum-Hallo machten wir es uns bei einem kalten Saft bequem.

„Mensch, Celina! Ich habe heute vielleicht einen durchgeknallten Tag gehabt.“, und ich erzählte ihr meine Erlebnisse.

„Okay, das war ‚Murphys Law‘ ! Aber immerhin scheinst du da einen ganz interessanten Typen aufgetan zu haben und rufst du ihn an?“ frug sie.

„Keine Ahnung. Komm lass uns Kalorien verbrennen. Gehst du schon vor. Ich bringe Freddy noch die Verträge.“ sagte ich.

Wie ich die Halle betrat, sah ich Celina mit einer unserer neuen Kopftücher in ein Gespräch vertieft. Egal ich brauchte jetzt Bewegung. Also Kopfhörer auf, Lala an und schwitzen bis Blut kommt! Denkste! Ich machte, was ich am liebsten tat – Rudern. Der Musik lauschend und kontinuierlich in die Riemen greifen, macht schlank und entspannt und du kannst die Anderen beobachten.

Celina und das Kopftuch waren richtig in ihr Gespräch vertieft. Ein zweites Kopftuch wurde von beiden herzlich begrüßt. Die drei betraten jeweils ein Laufband und liefen, einander immer wieder anlächelnd, als um sich zu vergewissern, dass ja keine verloren geht. Seltsam?

Nach einer Stunde war mein Kopf für neue Probleme wunderbar leer und ich hatte mich entschieden Pete eine Chance zu geben. Von Celina war nichts zu sehen. Also ging ich mich duschen. Ich traf sie dann im Foyer wieder. Sie und ein Kopftuch wieder am Schnattern.

„Süße, ich möchte jetzt gehen!“, sagte ich zu ihr.

„Warte, Caro! Erkennst du Uschi nicht? Ursula Leiden unsere Exklassensprecherin.“, sagte Celina. Ich musste dreimal hinschauen, um dieses kleine Gesichts-Dreieck meiner alten Schulfreundin zuzuordnen.

„Uschi? Du bist es tatsächlich. Entschuldige, ich habe dich unter all dem Stoff erst nicht erkannt. Wie geht es dir?“, sagte ich.

„Danke, gut. Ich heiße jetzt Rana Karim und bin verheiratet. Wie du siehst bin ich nun eine Muslimah.“ Nach einer Unterhaltung mit einer Schleiereule stand mir nun gar nicht der Sinn, auch wenn das mal zu Schulzeiten eine Freundin war. Die war sowieso unter all den Stoffballen begraben.

„Du, ich habe im Moment überhaupt keine Zeit, aber wir sehen uns hier bestimmt noch öfter. Kommst du Celina?“, drängte ich. Celina und Uschi-Rana verabschiedeten sich, indem sie ihre Schläfen aneinander rieben. Unterwegs fragte ich sie dann:

„Sag mal, sind eigentlich alle von einem Virus infiziert. Ich dachte, die Kopftücher wären Ausländer und nicht Deutsche?“

„Du Arme, seitdem du studierst, kriegst du überhaupt nicht mehr mit, was in deiner Heimatstadt geschieht!“, lästerte sie.

„Es stimmt, jetzt wo du es sagst, einige Familien in meiner Straße scheinen zum Islam konvertiert zu sein.“,sagte ich.

„Du hast doch bestimmt mitbekommen, wie friedliche muslimische Demonstranten in Dresden halbtot geschlagen worden sind und Rana war eine von ihnen. Sie wurde vor und nach der Demo interviewt. Zuerst ein hübsches und zurückhaltendes Mädchen mit Hijab und danach ein blutig geschlagenes Häufchen Elend im zerfetzten Hijab. Sie ist schon fast eine internationale Berühmtheit.“

„Du, ich habe einfach neben Studium, Wohnungssuche und Broterwerb keine Zeit für verkorkstes, idiotisches Polittheater! Im Moment interessieren mich anderer Leute Befindlichkeiten herzlich wenig.“, sagte ich.

Irgendwas stand zwischen uns, eigentlich schon seitdem ich studierte. Ich hatte mich auf einen schönen Abend mit meiner Freundin gefreut, aber wir kamen wohl nicht mehr zusammen.

Egal! Ich fuhr nach Hause und flenste mich mit Kaffee in meine Lieblings-Sofaecke und simste Pete an und er rief prompt zurück.

„Hallo, Caro! Ich freue mich von dir zu hören und hattest du Erfolg mit der Wohnungssuche?“ Ich erzählte ihm von meinem Nachmittag.

„Ich will mich nicht aufdrängen, aber wenn du erlaubst, werde ich dir bei der Wohnungssuche helfen.“ ,sagte er.

„Immer langsam mit den jungen Pferden! Was hältst du erst mal von einem Date?“ frug ich.

„Du, nichts lieber als das! Aber es klingt saublöd, meine Firma ist gerade von einer Investmentfirma aufgekauft worden und ich stehe gehörig unter Druck. Können wir uns vielleicht spontan treffen, wenn ich dann mal Zeit habe. Ich weiß im Moment nie, wann ich wie viel Zeit habe.“, sagte er.

„Mir geht es auch nicht viel besser! In der Woche studiere ich in Köln und an den Wochenenden jobbe ich im Fitness-Center.“

„Unter Vorbehalt habe ich Montag Nachmittag frei. Ich hol dich von der Uni ab und wir gehen dann was essen. Wie wär‘s?“

„O.K., ich melde mich am Montag bei dir!“

„Ich freue mich, Caro! Bis Montag dann!“

 

Pete Lagerfeld

Ich war auf meinem Weg nach Hause von Duisburg-Marxloh nach Köln. Ich war mit Caro in der Ebertstraße verabredet. Ich steckte, wie so oft im Kölner Ring im Stau. Es war mir egal. Ich war bis über beide Ohren in Caro verliebt. Und nicht nur das: der Besitzwechsel meiner Immobilienfirma hatte für mich erhebliche Konsequenzen. Denn um meinen Job zu behalten war ich jetzt Anwärter auf eine Mitgliedschaft in der Bruderschaft und war deshalb zum Islam konvertiert.

Deswegen suchte ich den Imam Ibrahim Arslan auf.

„Willkommen Bruder! Tritt ein!“, sagte der Iman. Als ich seine Wohnung betrat, rief er:

„Selima, Kamila wir haben einen Gast. Bringt Tee und Gebäck!“ Eine junge, zauberhafte Frau, bis auf das Gesicht vollständig verhüllt, vom Typ: selbst im Kartoffelsack hübsch, betrat das Wohnzimmer und stellte uns Tee und Gebäck hin. Mich faszinierte die Art ihrer Präsenz, mit weichen, fließenden Bewegungen deckte sie unseren Tisch, es gab nicht das kleinste Geräusch als sie aufdeckte. Ich hörte nur ein leises Rascheln ihrer Schleier. Das war Diskretion in Vollendung. Dem Imam wurde meine Bewunderung für die Frau bewusst und er rügte mich:

„Es gilt unter Moslems als Beleidigung, wenn ein Fremder seine Frauen anstarrt.“

„Verzeihe mir, Imam! Es ist für mich noch alles so neu. Ich werde mich bessern.“, entschuldigte ich mich.

„Schon gut, mein Bruder! Du hast Glück, sie ist nicht meine Frau. Jedenfalls noch nicht.“ Sie strahlte ihn an und er lächelte verliebt zurück.

„Was führt dich zu mir?“

„Ich brauche deinen Rat, Imam. Ich habe mich verliebt und weiß nicht, wie ich mich nun, da ich ein Moslem bin, korrekt verhalten soll.“, sagte ich. Der Imam lächelte:

„Du verhältst dich einwandfrei. Genau dafür bin ich ein Imam. Ich berate die Brüder, damit sie nicht fehlgeleitet werden. Ich nehme an, die Frau deines Herzens ist keine Muslimah, richtig?“ Ich nickte.

„Mache dir keine Sorgen, alles wird sich finden. Erzähle mir von ihr. Wo sie wohnt und was sie so macht.“, sagte er. Ich erzählte ihm, was ich wusste und mit ein paar gezielten Fragen seitens des Imam erstellte er ein kleines Profil meiner Angebeteten. Dann nahm er sein Smartphone zur Hand und bat mich um etwas Geduld. Er sprach türkisch und ich verstand kein Wort. Als er das Gespräch beendete, sagte er:

„Wenn deine Freundin will, kann sie direkt in eines unserer Appartement in Köln in der Ebertstraße einziehen. Es sind einige frei geworden und wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Die Miete beträgt 200 € im Monat, es ist eine Studentinnen-WG. und eine Stiftung unserer Kölner Madrasa. Am besten rufst du sofort an.“

„Das ist ja fantastisch!“, rief ich und schnappte mir mein Handy.

„Hi, Caro! Bist du noch in Köln? ...Ja! O.K. Ich gebe dir jetzt eine Adresse durch. Es handelt sich um ein sehr preiswertes Appartement in einer Studentinnen-WG. Bist interessiert? ...Ja, gut! Ich mache mich auf den Weg nach Köln. Wir treffen uns dann da. Tschüs, bis später!“

„Du solltest dich beeilen, mein Bruder. In spätestens einer Stunde ist Feierabendverkehr!“, sagte der Imam. „Imam, ich danke dir. Möge Allah dich und deine Familie segnen!“, sagte ich von Herzen dankbar.

„Ich sehe du lernst schnell gute Manieren. So soll auch dich Allah segnen und dass du bald das Herz deiner Angebeteten eroberst. Viel Glück!“, wünschte er mir beim Hinausgehen.