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Der Umzug hatte mir dank Pete nichts gekostet und eine Woche später war ich in mein neues Appartement eingezogen. Jetzt saß ich mit meinen Eltern in der Cafeteria, wir genossen das schicke Ambiente und warteten auf Pete. Wie immer verspätete er sich. Ich wollte Mama schon mal mein Appartement zeigen (für Paps war es ja verbotenes Gebiet), als er dann doch endlich eintraf.

„Entschuldigen Sie meine Verspätung, Herr und Frau Lichter! Ich heiße Pete Lagerfeld.“, sagte er. Dann kam er zu mir, gab mir einen Wangenkuss und setzte sich. Meine Vater wurde plötzlich kreidebleich.

„Sie heißen Pete Lagerfeld? Sind sie 29 Jahre alt? Heißt ihre Mutter mit Vornamen zufällig Claudia?“ frug mein Vater ganz aufgeregt. Pete nickte nur verdutzt. Mein Vater sagte:

„Vor 30 Jahren war ich Abiturient am Erich Kästner-Gymnasium in Köln und eine Claudia Lagerfeld aus der 12b war meine Freundin. Nach dem Abitur studierte ich in Tübingen und wir verloren uns dann leider aus den Augen. Sie, junger Mann, ähneln meinem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten. Ich fürchte, ihre Mutter hat mir da wohl etwas verschwiegen.“

„Um Gottes Willen, Heinz! Du hast recht! Er sieht aus, wie eine 40 Jahre jüngere Version von Erich.“, meinte meine Mutter ganz perplex.

„Äh, i… ich.. b.. bin ihr Sohn?“ stotterte Pete. Mein Vater, der zähe Hund, hatte sich schon wieder gefangen und sagte:

„Sie reden erst mal mit ihrer Mutter. Im Moment wissen wir nichts genaues. Und solange gilt: Finger weg von Caro, verstanden?“

„Klar doch! Entschuldigt mich jetzt bitte!“ Dann rannte er hinaus.

„Für dich gilt das auch. Finger weg!“, bemühte sich mein Vater seiner erwachsenen Tochter mit zu teilen.

Ich war fertig mit der Welt. Ich wusste nicht mehr, was falsch oder richtig, hell oder dunkel war und überhaupt – ich konnte jetzt keinen Menschen um mich herum ertragen und ging kommentarlos zum Heulen in mein Appartement. Meine kluge Mutter sagte zu meinem Vater:

„Lass sie in Ruhe! Lass sie den Schock vorläufig mal verdauen. Wir müssen erstmal runterkommen, dann können wir uns überlegen, was zu tun ist!“

Pete und seine Mutter

Ich war geschockt! Irgendwie hatte ich geglaubt Caro wäre endlich die Richtige und jetzt das. Nicht mehr lange und wir hätten Sex miteinander gehabt! Verdammte Scheiße! Ich hätte Sex mit meiner Stiefschwester gehabt! Es wird Zeit, dass ich meine Mutter zur Rede stelle! Also rief ich sie an.

„Hi! Mama! Hast du Zeit?“

„Welche Ehre! Mein Sohn erweist seiner Mutter seine Referenz. Gibt es irgendetwas, was ich ganz selbstlos für dich tun darf?“ frug sie mit triefenden Zynismus. Zehn Minuten mit meiner Mutter und schon erstickte ich an Schuldgefühlen.

„Höre bitte auf mit deinen Spielchen! Ich habe etwas äußerst Wichtiges mit dir zu besprechen.“, erwiderte ich.

„Dann frag und belästige mich nicht weiter!“, sagte sie.

„Es gibt Dinge, die sich nicht dazu eignen, am Telefon erörtert zu werden. Wo bist du? Ich komme zu dir!“, sagte ich.

„Ich bin in der Madrasa, im Frauenflügel. Ich leiste hier ehrenamtliche Hilfe. Hier haben Männer keinen Zutritt.“, sagte sie schnippisch.

Meine Mutter in der Madrasa, bei den Moslems? Was ist denn jetzt wieder passiert?

„Was machst du bei den Moslems?“, frug ich perplex.

„Ich kümmere mich darum, dass die Kinder etwas zu essen bekommen und ihnen bei den Schularbeiten geholfen wird. Damit aus ihnen mal tüchtige Erwachsene werden. Wie ich es vor einigen Jahren auch bei dir versucht hatte.“, konterte sie. Ich verlor langsam die Geduld und sagte:

„Wenn es deine Zeit erlaubt, kannst du mir ja bestätigen, dass Heinz Lichter mein Vater ist.“ Dann legte ich auf. Ich musste verdammt noch mal Heulen. Ich schaltete das Handy ganz aus, fuhr nach Hause und legte mich hin. Leckt mich doch alle am Arsch!

Am nächsten Morgen:

Ich saß am Frühstückstisch. Schon der dritte Becher Kaffee und ich fühle mich immer noch wie gerädert. Ich simste Caro liebe Grüße und lies sie ansonsten in Ruhe. Wir hatten beide an diesen unerwarteten Veränderungen zu knabbern. Ich ließ mich auf der Arbeit für diese Woche freistellen. Ich will das alles aufgeklärt wissen. Es klingelte an der Tür, als ich aus dem Bad kam. Die Außenkamera zeigte mir einen Mann in Begleitung einer verschleierten Frau.

„Ja, bitte.“, sprach ich über die Sprechanlage.

„Guten Morgen, Herr Lagerfeld. Ich bin Iskandar Bassam, der neue Ehemann Ihrer Mutter. Sie befindet sich in meiner Begleitung. Dürfen wir Sie kurz sprechen?“

„Bitte einen Moment Geduld. Ich ziehe mir nur schnell was über.“, sagte ich und sprang schnell in meine Klamotten. Dann drückte ich den Türöffner. Als sie vor meiner Tür standen, bat ich sie einzutreten. Ob die Schleiereule tatsächlich meine Mutter war, konnte ich nur glauben. Sie war komplett verschleiert; selbst über ihren Augen hing ein Schleier. Was ich sah, war ein anonymer Kegel. Wie auch immer. Ich führte meine Gäste ins Wohnzimmer.

„Bitte nehmen Sie doch Platz. Ich habe gerade frischen Kaffee aufgesetzt. Möchten Sie eine Tasse?“, frug ich so höflich wie ich nur konnte.

„Das ist sehr freundlich.“, sagte er.

„Meine Frau bekommt nichts. Sie muss, wenn möglich, außerhalb des Hauses vermeiden zu essen oder zu trinken.“ Er setzte sich und ich brachte eine zweite Tasse Kaffee. Sie stand hinter ihm und schwieg.

„Ihre Mutter hat mir das Gespräch, das sie mit ihr führten, geschildert. Sie war sehr unverschämt zu Ihnen. Diese Respektlosigkeit ihrem Sohn gegenüber kann ich nicht dulden und ich habe ihr deshalb das Handy weggenommen. Selbstverständlich darf eine Mutter ihrem Sohn nicht den Vater verschweigen. Wenn Sie das nächste Mal anrufen, werden Sie mich am Apparat haben.  Jetzt wird Sie Ihnen alle ihre Fragen beantworten.“, sagte er.

„Ich bin nicht der einzige dem sie durch ihr Schweigen geschadet hat. Ich muss erst ein paar Anrufe tätigen.“, sagte ich.

Sie stand da – zum Schweigen verdammt, unter Bergen von Stoff begraben und ich genoss jede Sekunde.

„Ich habe mit der Familie Lichter gesprochen. Sie wird in einer halben Stunde eintreffen. Vielleicht erzählst du mir, mein Bruder, was sich alles zwischen euch ereignet hat. Ich hätte nie erwartet meine Mutter, als unterwürfigen, anonymen Kegel vor zu finden.“

„Sie nennen mich Bruder. Sind Sie auch Moslem?“, frug er verdutzt.

„Ja, ich bin konvertiert. Daher können wir uns duzen, wenn du willst.“

„Als deine Mutter konvertierte, war sie alleinstehend. Damit ich sie heiraten konnte, unterzog ich sie der Prozedur des Purdah der Bruderschaft. Sie weiß jetzt genau, wie sie sich als gute Muslimah zu verhalten hat. Um so unverständlicher war mir ihr Verhalten ihrem Sohn gegenüber. Sie muss dir den gleichen, absoluten Respekt wie ihrem Ehemann erweisen. Sie soll sich jetzt bei dir entschuldigen. Sprich, Weib!“, befahl er.

„Das Weib des Iskandar Bassam bittet ihren Sohn für ihr respektloses Verhalten um Entschuldigung.“, sagte sie und schwieg dann wieder.

„Ich möchte meinen Gäste gerne zu trinken und zu essen anbieten. Geh in die Küche, Mutter und bereite etwas vor. Mit deinem Mann und mir wären wir zu fünft. Sorge dafür, das meine Gäste ausreichend zu trinken und zu essen bekommen.“, befahl ich ihr und sie so zu demütigen, tat so gut. Nicht, das wir uns falsch verstehen: Ich liebe meine Mutter, aber sie hatte mich oft spüren lassen, was sie von uns Männern hält. Sie konnte verbal sehr brutal sein. 

Während sie in der Küche rumorte und wir auf die Familie Lichter warteten, tauschten wir uns über die Kölner- und die Duisburger- Bruderschaft aus. Dabei stellte sich heraus, das die Kölner einen deutlich strengeren Islam praktizierten, als unser Verband Duisburg-Düsseldorf.

Dann endlich klingelte es an der Tür und ich begrüßte, die Familie Lichter. Wir nahmen Platz und ließen uns von meiner Mutter bedienen. Während wir unser spätes Frühstück genossen, durfte sie uns Abbitte leisten:

„Pete ist der Sohn von Heinz Lichter, mit dem ich in meiner Schulzeit intim war. Ich bitte alle, die ich durch mein dummes Verhalten verärgert habe, mir zu verzeihen. Der Islam hat mir die Augen geöffnet und ich schäme mich heute zu tiefst für mein egoistisches Verhalten.“

„Ich hatte die ganze Zeit einen Sohn, ohne es zu wissen. Dein Verhalten ist unverzeihlich! Du hast meinen Sohn und mich, um ein Leben miteinander betrogen.“, sagte Heinz Lichter.

Heinz hatte Tränen der Wut und der Trauer in den Augen. Doch nur er und Veronika wussten von seinem Schlaganfall, den er gerade auskurierte. Er starb uns unter den Händen weg. Nie sollte ich mit meinem Vater ein Vater – Sohn Gespräch führen und dafür hasste ich jetzt meine Mutter. Ich schrie:

„Iskandar Bassam! Schaf dieses Weib fort! Ich will es niemals mehr wiedersehen!“

Er verschwand mit ihr, ohne ein Wort. Zurück blieben drei trauernde Menschen. Der Arzt konnte auch nur noch den Tod feststellen und stellte den Totenschein aus. Caro und ich erledigten die nötigen Formalitäten und standen Veronika in diesen schlimmen Stunden bei. Als die Beerdigung war, war ich ein Teil dieser Familie geworden und ich liebte sie, wie man eine Mutter und eine Schwester liebt, etwas was ich eigentlich nie hatte.