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Caroline

Manchmal ist es erschreckend, welche Streiche einem das Leben spielt. Von einer Sekunde auf die andere verlor ich meinen Vater und bekam einen Bruder. Ich trauerte um den Verlust meines Vaters, einem wirklichen Helden des Alltags. Er war immer da, wenn wir ihn brauchten. Er war unsere graue Eminenz. Er blieb so lange am Ball, bis er ein Problem gelöst hatte; egal wie lange es dauerte. Er gab mir immer das Gefühl sicher und behütet zu sein. Danke, Papa!

Pete war wie sein Vater. Er stand meiner Mutter und mir bei, wie ein Sohn und großer Bruder. Vergessen waren die Fantasien, als wir uns kennenlernten. Ich hatte in der Not einen liebevollen, großen Bruder bekommen und meine Mutter einen neuen, treusorgenden Sohn und das war wichtiger als alles andere. Seit meinem Einzug in die Ebertstraße spürte ich, trotz aller Trauer um meinen Vater, dass ich viel ruhiger und gelassener wurde. Der Studienstress, die elende Fahrerei zwischen Wohnort und Studienplatz, die Nebenjobs und die ewigen Geldsorgen, glaubte ich, hätten mich blind gemacht für die Freundlichkeit meiner Mitmenschen. Ich hatte mich ihnen gegenüber richtiggehend wie ein egozentrisches Arschloch verhalten. Ich glaube, ich erkannte den Balken in meinem Auge, weil ich mich nicht mehr über den Splitter im Auge Gottes erregte. Damals nahm ich an, dass der Schock über den plötzlichen Tod meines Vaters mich aufgeweckt hatte, aber das alles Gottes, oder auch Allahs Werk war, kam mir nicht in den Sinn, denn meine Familie hatte mit Religion nichts am Hut; ich war nicht mal getauft.

Es war die Bruderschaft, die sich in meinem Alltag immer mehr bemerkbar machte. Und zwar im positiven Sinn. Sie war Träger meines Appartements und ermöglichte mir nicht nur ein erschwingbares Wohnen, sondern es herrschte im Haus eine freundliche und entspannte Atmosphäre. Ich fühlte mich hier richtig wohl.

An einem Sonntagnachmittag saßen wir bei Kaffee und Kuchen auf der Terrasse meiner Mutter und Pete offenbarte uns, dass er vor geraumer Zeit, der Bruderschaft beigetreten war und zum Islam konvertierte. Zwar anfangs nur aus beruflichen Gründen, doch wäre er mittlerweile auch von der Richtigkeit seines neuen Glaubens überzeugt.

„Hätte ich dich geheiratet, hättest du mich dann auch unter Bergen von Stoff begraben?“, frug ich mit einem ironischen Unterton. Er lachte und sagte:

„Erstens ist es eine Sünde seine Schwester zu heiraten und zweitens gibt es keinen Zwang im Islam. Wenn Frauen sich entscheiden den Schleier zu tragen, darf es nur aus freien Stücken geschehen. Islam bedeutet: Unterwerfung vor Gott, nicht vor den Willen eines Ehemannes oder irgend eines anderen Menschen.“

Ich erkannte in vielen Dingen bei ihm meinen Vater wieder. Ganz pragmatisch zum Islam konvertieren, um seinen Job zu behalten und sich dann mit seiner Entscheidung auseinanderzusetzen, um einen guten Weg für sich finden – immer so konstruktiv wie möglich handelnd. Mutter und ich spürten, wie seine Dominanz über uns wuchs und wir waren ihm mehr als dankbar.

„Weißt du, Bruderherz, dass ich mich frage, warum die Bruderschaft mir so eine günstige Unterkunft für 200€ zur Verfügung stellt, ohne irgend eine Bedingung daran zu knüpfen?“, frug ich.

„Es steckt dahinter das Konzept der Akzeptanz, nicht der Nächstenliebe. Wir zeigen mit einem großen, nicht zu übersehenden Finger auf alle Wohltaten, die die Menschen von uns erfahren, um damit dem immer mehr um sich greifenden Ausländerhass und der Islamophobie Paroli zu bieten. Das dabei die Anzahl der Menschen steigt, die konvertieren ist eher ein positiver Nebeneffekt.“, sagte er. Meine Mutter sagte:

„Ich bin in den 90ern erwachsen geworden und wir modernen Frauen haben uns immer mehr emanzipiert. Wir konnten sogar eine Frau als Kanzler etablieren. Aus meiner Sicht erscheint mir, dass der Islam eher konträr zu einem modernen Lebensstil steht. Schon die mittelalterlichen Verhältnisse in denen saudische Frauen leben sind mir ein Gräuel.“

„Ich bin da, glaube ich, nicht der Spezialist. Ich weiß, dass wir die wahabitische Auslegung des Koran für Sünde halten und dass er der salafistischen eindeutig widerspricht. Caro habt ihr nicht auch Wohnungen für Besucherinnen in eurem Haus?“

„Ja, auf jedem Flur gibt es ein hübsches kleines Zimmer für Besucherinnen.“, sagte ich.

„Es finden an den Wochenenden in deinem Haus regelmäßig Diskussionsforen statt. Wie wäre es, wenn ihr mal ein Wochenende zusammen daran teilnehmt. Ich könnte mich dann mit euch sicher entspannter mit dem Thema beschäftigen. Es wäre mir sehr wichtig, dass ihr mich richtig versteht. Ihr seid mir so sehr ans Herz gewachsen, ich möchte nicht, dass etwas zwischen uns steht.“

„Ja, Mama! Wir zwei verbringen ein ganzes Wochenende mal miteinander, das wäre fantastisch! Bitte, bitte sag ja!“, bettelte ich. Ich sah es meiner Mutter an. Mal ein ganzes Wochenende nicht an ihren verstorbenen Mann erinnert zu werden, war genau das, was sie nötig hatte.

„Warum nicht, Kind? Dann bereite alles vor. Ich bin dabei!“, sagte sie.

Veronika Lichter

Ich war einfach nur dankbar in diesen schlimmen Tagen, meine Tochter und einen neuen Sohn an meiner Seite zu wissen. Beide zusammen nahmen mir all diese grausamen Pflichten, die der plötzliche Tod meines Mannes uns brachte, ab. Ich selbst fiel in ein schwarzes Loch, war einsam und wie gelähmt. Caroline ging es auch nicht viel besser als mir. Und da war Pete: Er wuchs bei einer gehässigen, psychotischen Mutter auf und hatte sich sein Leben lang nach seinen Vater gesehnt. Als er ihn endlich gefunden hatte, starb er vor seinen Augen. Doch anstatt fortzugehen und uns unserem Schicksal zu überlassen, stand er uns bei und war immer für uns da. Was für ein starker Mann! Er war sein echter Sohn und bald liebte ich ihn wie mein Eigen und es sollte niemals etwas zwischen uns stehen! So kam es, dass bald auch Caro sich ihm wie eine Schwester verbunden fühlte.

Es war für uns moderne Frauen einfach nicht nachzuvollziehen, wie ein moderner, intelligenter Mann sich einer so primitiven Religion wie dem Islam zu wenden konnte und dann auch noch dem Salafismus. Wir dachten immer, dass Salafisten Terrorristen wären, doch die bezeichnete er als Ungläubige, als Wahabiten. Der Salafismus sei lediglich eine strenge Form der Auslegung und der daher jeglichen Mord und Gewalt ablehne. Wie auch immer es bedurfte der Klärung. So fuhr ich an einem Freitagmorgen mit meiner Tochter nach Köln, um an einer Diskussionsrunde der Bruderschaft teilzunehmen. Ich tat es aus Liebe zu meinen Sohn, denn das war Pete für mich geworden.

Ich war die Tochter von 1969ern, Religion, Nation oder dieser ganze Konsumidiotismus bedeutete mir nicht wirklich etwas – ich nehme, an ich war irgendwie aus der Zeit. Gott sei Dank!

„Was denkst du, ich fühle mich seltsam fremd, bei dem Gedanken mit irgendwelchen Spinnern ein ganzes Wochenende über so etwas Banalem wie Islam zu diskutieren.“, sagte ich zu Caro.

„Wir kriegen vieles, was heute passiert von den Medien brühwarm präsentiert und schlucken es kritiklos, doch wenn man rausgeht findet man eine ganz andere Welt vor. All diese Aggressionen und Verbalinjurien passieren doch nur, weil die meisten Menschen nicht mehr mit den Realitäten des echten Lebens klarkommen und sich in einer Schleife des dauernden Selbstverarschens befinden.“, ereiferte sich Caro.

„Wau! Das saß! Den Satz kannst du dir übers Bett hängen – in güldenen Lettern!“, sagte ich und wir lachten befreit, denn auch wir hatten tief in uns eine große Angst vor dem Neuen.