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Fida

„Murad, Selima, ich bin ja so froh, bei euch zu sein. Mein altes gehetztes und nur auf den eigenen Vorteil bedachte Leben hätte mich beinahe zerstört. Damals dachte ich, meine Follower wären alles was ich brauche, sie waren wichtiger als Freundschaften. Heute habe ich durch euch eine richtige Familie und in der Madrasa sind alle Frauen meine Freundinnen. Fünf mal am Tag danke ich Allah für meine Rettung.“, sagte ich.

Während draußen ein Frühjahressturm tobte, um den Winter zu vertreiben, saßen wir im Wintergarten geschützt vor den Unbilden der Natur und genossen unseren verdienten Feierabend bei einer Tasse heißen Kakao.

„Gadi hat mir gesagt, sie wolle nächsten Monat zu ihrer Mutter ziehen.“, sagte Murad.

„Ich bin von ihrer Idee nicht sonderlich begeistert. Sie begibt sich freiwillig in die Hände al Gossarahs. Ich kann den Kerl einfach nicht leiden! Ich glaube, er wird Gadi mit seinem Purdahwahn auf Dauer zerstören.“ Hinter meinem Ruband flossen ungesehene Tränen.

„Wie auch immer, sie wollte schon direkt zu ihrer Mutter ziehen und ich habe mit ein wenig Druck und gute Worte es geschafft, dass sie noch bis zum Monatsende bleibt. Vielleicht könnt ihr, meine Mädels, sie zum Bleiben überreden“, meinte er.

„Gadi kann so verdammt stur sein, aber ich werde bis zum letzten Tag um sie kämpfen.“, sagte ich.

„Fida, dein Ehrgeiz deine Freundin zu beschützen kann ich nur loben, aber vergiss nie, dass eine gute Muslimah niemals Kraftausdrücke benutzt!“, tadelte mich Selima, die Gute. Ich war ganz verwirrt und überlegte was sie wohl meinte. Meinte sie vielleicht ‚verdammt‘?

„Entschuldige, Selima! Ich werde mich bemühen, eine bessere Muslimah zu werden.“, sagte ich unterwürfig.

„Es kommt dir vielleicht vor, als würde Selima Erbsen zählen, aber du wirst schon bald verstehen, wie wichtig eine anständige Ausdrucksweise ist. Damit steht und fällt die Zivilisation. Das Barbaren, wie Trump und viele andere Politiker an die Macht gelangen,oder dass das Kapital den Planeten immer mehr ausbeutet, wurde erst möglich, als der Schmutz, den sie absondern, auch toleriert wurde. Man kann sich immer schneller abwärts als aufwärts bewegen. Entwicklung ist halt mühsam.“, sagte Murad streng.

Die hochschwangere Selima stand auf und kam zu mir, um mich in den Arm zu nehmen. Dann flüsterte sie mir ins Ohr:

„Schenke jedes deiner Worte Allah, so wirst du dich nie im Ton vergreifen können.“

Nur sehr langsam konnte ich mich an die für mich so fremden Liebkosungen gewöhnen. Die in mir aufkommenden Emotionen überwältigten mich fast jedes mal. Tröstend rieb Selima ihre Stirn an meine. Sie wusste, wie es um mich stand. Seitdem ich meine Scheinwelt verlassen hatte, klammerte ich mich förmlich an sie und Murad. Murad sagte:

„Hab‘ keine Angst mein Kind. Wir werden dich beschützen und dir den Weg in ein gutes Leben weisen.“

Ich betete fünfmal am Tag zu Allah, er möge sie beschützen und das wollte ich bis zum Ende ihrer Tage tun.

„Wir kriegen in zwei Tagen einen Gast zu Besuch, Fida kümmere dich bitte um das Gästezimmer. Es ist ein sehr entfernter Verwandter von mir aus Pakistan und heißt Amir Arslan. Er hat sein Ingenieursstudium abgeschlossen und möchte bevor er nach Ottakram zurück muss, sich noch ein wenig in Europa umschauen.“

„Was meint ihr, wollen wir Gadi mit ihm verkuppeln?“, frug ich.

„Dann wäre sie weit weg von al Gossarah!“

„Allahu akbar! Unsere kleine, hinterlistige Fida ist wieder erwacht! Nutze deine Verschlagenheit zum Wohle deiner Lieben und zur Ehre Allahs, denn er verlieh dir diese Gabe! Das ist eine fantastische Idee!“, Murad war ganz aus den Häuschen. Ich wusste, wie viele Sorgen er sich um Gadi machte und ich hatte endlich wieder eine Aufgabe, die mir lag.

Am Donnerstag trudelte der Herr Ingenieur bei uns ein. Ich habe dafür gesorgt, dass Gadi auch anwesend ist und wie wir ihm vorgestellt wurden, bereute ich mein Versprechen zutiefst, Ihn an Gadi zu verkuppeln. Was für ein Mann! Groß, schlank, muskulös! Der feuchte Traum einer Schwiegermutter stand vor uns. Dem nervösen Rumoren unter ihren Schleiern nach zu schließen, war auch Gadi sehr von ihm angetan. Murad frug:

„Gadi, kannst du dich um unseren Gast zu kümmern, während wir arbeiten! Du kannst ihm den ‚Jungen Patrioten‘ vorstellen und ihn ein wenig in der Gemeinde herumführen.“

„Aber ich habe doch selbst noch so viel zu tun!“ sagte Gadi widerstrebend.

„Du verlässt uns ja bald! Von daher müssen wir lernen, leider ohne dich klarkommen.“, sagte Murad. Das saß! Gadi fehlten die Worte, denn sie nickte nur noch nachdenklich.

Am Abend saßen wir dann alle zusammen und Amir erzählte uns, wie sehr er den Ausflug mit Gadi genossen hätte und das er die 'Jungen Patrioten' feiere.

Dann erzählte er uns von seiner Heimat. Sie hieß Ottatal, nach dem Fluss Otta und die Hauptstadt war Ottakram, denn die Einwohner waren vom Stamm der Kram, die vor langer Zeit nach Pakistan und in die Türkei auswanderten. In ihrer Sprache stand Blau für Frau und Weiß für Mann, weil sie sich ausschließlich in diesen Farben kleideten. Die Männer trugen weite Hosen und darüber ein langes, weites Hemd, alles weiß und alle Frauen trugen blaue Kleider und darüber eine blaue Burqa, die auch vorne Boden-lang war. Sie hatte an den Seiten lange Öffnungen durch die die Frauen ihre behandschuhten Hände steckten. Er war ein fantastischer Redner. Wir lauschten gebannt seinen Schilderungen. Unbewusst hielten Gadi und ich uns die Hände, während wir gebannt an seinen Lippen hingen. Dann war es Zeit für unser Gebet, um dann zu Bett zu gehen. Um noch etwas zu quatschen, kam Gadi noch kurz zu mir in mein Zimmer. „Ja, das war mal ein spannender Abend! So wie unser Gast uns seine Heimat schilderte, möchte ich direkt da leben!“, sagte ich. Gadi sagte:

„Er ist wirklich ein interessanter Typ.“ Da schwang etwas mit in ihrer Stimme, dass mich hellhörig machte und ich sagte zu ihr:

„Wenn ich doch nur nicht solche Probleme mit mir hätte! Er wäre bestimmt ein prächtiger Ehemann für mich und ich könnte in einer rein islamischen Stadt leben – alle Frauen dort wären meine Schwestern! Leider nur ein schöner Traum, nicht wahr?“

„Aber wo ist dein Problem? Heirate ihn und alles ist gut!“ ,ereiferte sich Gadi, ohne groß nachzudenken.

"Selima erwartet ein Kind und ich werde sie niemals im Stich lassen. Übrigens wäre dieses Kind für mich ein Geschwisterchen, wie Murad und Selima meine neuen Eltern sind. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich sie brauche. Ich habe mein Schicksal in Murads Hände gelegt und ich werde mich ihm bedingungslos fügen. Basta!“ ,sagte ich mit Nachdruck.

„O.K., ich habe nicht nachgedacht. Du hast ja recht.“ ,gab sie zu.

„Weißt du, Selima hat mir einen Tipp gegeben, weil ich mich mal wieder unüberlegt äußerte: - Schenke jedes deiner Worte Allah, so wirst du dich nie im Ton vergreifen können - . Du kannst Murad selbstverständlich fragen, was er von deiner Idee hält. Ich wünsche mir das von ganzem Herzen!“, log ich. Allah möge mir verzeihen, aber ich würde alles tun, um meine liebe Freundin vor diesem wahnsinnigen al Gossarah zu schützen.

„Aber sei ein wenig vorsichtiger mit deinen Statements, dann ist alles gut.“

Wir umarmten uns und ich fühlte mich plötzlich stark. Ja, Gadi! Ich schöpfte meine Kraft aus etwas Gutem, meinem neuen Glauben und ich schenkte sie dir voller geschwisterlicher Liebe! Ich begriff, wie ich den Menschen viel Gutes mit meinem miesen Charakter schenken konnte. Das war bestimmt mit dem Gebot der Verstellung gemeint, wie es im Koran stand. Ich muss das dringend mit dem Imam Ibrahim Arslan besprechen. Jedenfalls hatte ich sie soweit. Die nächste Runde ging an Murad und der würde um Gadi kämpfen, wie ein Löwe. Alles wird gut! Inschallah!