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Gadi

„Guten Morgen, Murad! Hast du Zeit?“, frug ich ihn.

„Sicher, Gadi! Komm rein! Was kann ich für dich tun?“

„Ich wollte mit dir über unser Mäuschen Fida sprechen. Sie hat sich wohl in unseren Gast Amir Arslan verguckt. Ich soll dich fragen, ob du sie ihm zur Frau geben willst.“, sagte ich.

„Dieses hinterlistige, kleine Miststück!“, dachte sich Murad heimlich. Doch er sagte:

„Das kommt gar nicht in Frage, Fida muss noch viel lernen, bevor ich sie einem Mann zur Frau geben kann. Aber Amir hat nach dir gefragt. Er wollte wissen, wer dein Vater ist und ich nannte ihm Namen und Adresse al Gossarahs. Soviel ich weiß, ist er auf dem Weg zu ihm, um um deine Hand anzuhalten.“ Ich war paralysiert, mir viel nichts mehr ein. So stand ich in seinem Büro, zur Salzsäule erstarrt.

„Was ist los, Liebes? Freust du dich nicht? Ich hoffe al Gossarah stimmt zu. Du wirst bald zwanzig Jahre alt. Es wird Zeit für dich zu heiraten, meine alte Jungfer!“ und er lachte laut. Langsam fasste ich mich:

„Dann sollte wohl Fida vor mir dran sein!“

„Unsinn! Du weißt doch, das Fida in ihrer Entwicklung weit zurück ist. Das wäre ja genauso, als würde ein Kind verheiratet werden.“

Sein Smartphone meldet sich. Er forderte mich auf sein Büro zu verlassen.

„Wir reden später weiter!“

Ich konnte nur noch gehorchen, das alles überforderte mich. Ich lief schnurstracks in mein Appartement und schloss mich ein.

Murad Ich hatte al Gossarah am Apparat. Ein gute Gelegenheit Gadi rauszuschmeißen, damit sie das Gesagte verdauen konnte.

„Salam aleikum, Halim. Was kann ich für dich tun?“, begrüßte ich ihn.

„Der junge Mann, den du mir geschickt hast, gefällt mir sehr gut. Und, um ehrlich zu sein, ich wünsche mir Gadi so weit weg von ihrer Mutter wie möglich. Ich würde gerne heute Abend mit ihm zu euch kommen, ich bringe auch Gadis Mutter mit. Was denkst du?“, sagte er.

„Wunderbar! Ich freue mich wirklich, dass dir Amir gefällt. Seit uns herzlich willkommen!“, sagte ich.

„Ich weiß doch, wie ungern du es gesehen hättest, wenn Gadi zu uns gezogen wäre. Der junge Mann ist unser beider Rettung. Bis heute Abend, mein Freund.“, verabschiedete er sich.

Verlobung

Am Abend saßen wir dann alle, bis auf Gadi, zusammen.

„Wo bleibt Gadi? Wir warten auf sie!“, frug al Gossarah. Fida sagte:

„Sie sagt, sie schäme sich so und will nicht kommen.“

„Gehe nochmal zu ihr und sage ihr, ihr Vormund befiehlt ihr auf der Stelle zu erscheinen.“, al Gossarah war sehr verärgert und wurde laut. Fidas Selbstwertgefühl klappte zusammen wie ein Kartenhaus und sie floh in ihr Zimmer.

„In diesem Haushalt werden Wünsche in Form einer Bitte geäußert und ein Gast sollte nie seine Stimme erheben. Ich gehe zu Gadi und hole sie.“, sagte ich und hätte al Gossarah am liebsten raus getreten. Auch Amir war die Situation peinlich und nur die Höflichkeit ließ ihn bleiben.

„Gadi, ich bin es Murad. Bitte mach mir auf.“ Sie öffnete mir, nur um sich in die entfernteste Ecke nieder zu kauern.

„Was ist los mit dir, mein Kind? Du kennst doch die Regeln! Wenn du dich nicht al Gossarahs Wünschen beugen willst, dann wirst du doch bestimmt mir vertrauen.“, sagte ich.

„Du bist mein Seelen-Vater, dir vertraue ich immer. Dir will ich gehorchen.“, sagte sie.

„Gut! Dann komme zu uns runter. Dann werde ich es halt sein, der dich Amir verspricht. Ist das okay für dich, du brauchst nur zu nicken.“

Sie stand langsam auf und nickte.

„Du gehst bitte vorher bei Fida vorbei. Sie hat die ganze Wut al Gossarahs über dein Wegbleiben abbekommen und ich will unbedingt, dass sie bei deiner Verlobung dabei ist. Ich schwöre dir, dieses Ekelpaket wird nie wieder die Schwelle meines Hauses betreten und du folgst einem wirklich guten Mann in seine Heimat und wirst für immer vor al Gossarah von ihm beschützt werden. Deine Mutter hat ihr Schicksal an der Seite dieses Mannes zu leben freiwillig gewählt. Kein Grund für dich ihr zu folgen! Wir sehen uns gleich unten und bring Fida mit.“

Ich ging wieder zu den anderen und es tat mir in der Seele weh, meine kleine Gadi zu verlieren. Sie ist mir in den Jahren zur Tochter geworden. Selima hatte natürlich wie immer recht: Gadi war wie ich. Wir hatten soviel gemeinsam. Oh Allah! Sie wird mir fehlen. Dann kam auch schon Gadi mit Fida zu uns. Fida floh direkt in Selimas Arme. Und Gadi sagte:

„Murad ist mein wahrer und einziger Vater, den ich von ganzem Herzen liebe und dem ich gehorchen will. Nur er darf mich einem Mann versprechen und sonst niemand. Wenn ihr das akzeptiert, werde ich heute Amirs Braut. Ich schwöre bei meinem Glauben, das ich ihm immer eine gehorsame und fromme Frau sein will und inschallah, die treusorgende Mutter seiner Kinder.“

Ich schaute zu al Gossarah. Er nickte, man sah wie angepisst er war. Er wird nie lernen, dass wir fromme und sittsam verschleierte Frauen im Sinne des Korans mit Respekt behandeln. Ein unbelehrbarer Wahabit halt, der sich eine große Scheibe von unserem Sheik Kabir abschneiden könnte. Ich erzählte den Anwesenden vom Leben Gadis und ihrer Mutter. Wie sie zum Glauben gefunden hatten und zu den schönsten Blumen in Allahs Garten herangereift sind. Jeder Muslim der eine Blume Allahs besitzt hat eine große Verantwortung übernommen und soll sie mit Liebe und Sorgfalt beschützen und mein Schlusswort war:

„Hiermit erkläre ich dich, Amir zum Beschützer und Herrn meiner Tochter Gadi. Die Hochzeit soll morgen früh in der Moschee stattfinden. Möge Allah euch segnen!“

Am nächsten morgen trafen wir uns alle vor der Moschee. Es waren alle gekommen: der Sheik nebst Anhang, Peterson mit Frau, fast alle ‚Jungen Patrioten‘ und viele, viele andere. Amir begriff nun wohl, was für einen Schatz er geborgen hatte. Wer in der Bruderschaft lebte, dem wurden seine Feste immer von der Gemeinschaft der Gläubigen, nie von der Familie, ausgerichtet, um Gleichheit zu gewährleisten und sinnlose Verschuldungen zu vermeiden. Also wurde in der Madrasa ausgiebig gefeiert. Selbstverständlich ohne Alkohol und nach Geschlechtern getrennt. Im Laufe der Feier verließ uns das Brautpaar, um – ihr wisst schon.

Am Anfang der darauffolgenden Woche war es dann soweit Amir reiste mit seiner neuen Frau ab in seine Heimat. Fida musste bei meiner hochschwangeren Selima bleiben. Ich brachte sie zum Flughafen. Jetzt ging nichts mehr. Ich konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Zum letzten mal umarmte ich meine Gadi und wie ich sie losließ, vermeinte ich mein Herz brechen zu hören. Mit meiner verbliebenen Würde verabschiedete ich mich von Amir und ging ohne mich noch einmal umzudrehen.