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Weiter geht es mit Caro!

Caroline

„Hallo! Ich bin Katrin!“, begrüßte uns eine junge Frau, als wir die Cafeteria betraten. Sie trug einen leichten Schleier über den Kopf; ganz leger, ohne großartig viel Haar zu verbergen.

„Bist du die Neue?“, frug sie mich.

„Ich heiße Caroline Lichter und das ist meine Mutter Veronika und ja, ich bin erst vor kurzem eingezogen.“, stellte ich uns vor.

„Ich nehme schon zum dritten Mal teil. Wir sind hier total entspannt! Es sind einige Konvertitinnen hier, die dir Fragen zum Islam und alles was dazugehört beantworten können. Ihr könnt euch aber auch ein Getränk nehmen und euch ganz zwanglos dazu setzen.“ Es stimmte. Mama setzte sich und als ich zum Büfett ging, um uns einen Cappuccino zu holen, wurde ich als Neumieterin von allen höflich begrüßt. Während ich versuchte ohne etwas zu verschütten unseren Platz zu erreichen, sah ich meine Mutter in ein Gespräch mit einer Verschleierten vertieft.

„Caro, sieh nur, wen ich hier getroffen habe, Celina Fürth!“ , rief sie. Der Stoffballen drehte sich mir zu, sprang auf, um den Kaffee zu halten, der mir beinahe aus den Händen fiel.

„Hi, Caro! Lange nicht gesehen! Wie geht es dir?“, frug sie mich mit einem Lächeln, als wäre es das Normalste der Welt meine beste Freundin unter Berge von Stoff begraben zu sehen. Sie nahm mir die Tassen vorsichtig aus der Hand und sagte:

„Setz dich und entspann dich. Ich erklär dir alles, wenn du willst.“

„Das wäre wirklich bezaubernd von dir!“, krächzte ich sarkastisch mit trockenem Hals.

„Also ich bin durch unsere Klassenkameradin Ursula Leiden, die heutige Rana Karim, auf den Islam gestoßen. Ich sah sie in der Tagesschau, wie sie in Chemnitz von Neo-Nazis brutal zusammengeschlagen wurde und dann nochmal öfter in den ARD und ZDF Talkshows, als sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Sie sagte immer wieder, dass sie keine Rache nehmen wolle, sondern sie bete fünf mal am Tag für ihre Peiniger zu Allah, auf das er ihnen ihre Schandtaten verzeihen möge. Du kannst dir vorstellen, wie schockiert ich war. Unsere Ex-Schulsprecherin war eine Muslimah und im Fernsehen. Ich rief sie an und wir trafen uns in der Leverkusener Madrasa.“

„Sorry Süße ! Was ist eine Madrasa?“, frug meine Mutter.

„Ursprünglich heißt Madrasa Schule, glaube ich, aber gemeint ist eigentlich ein Ort an dem sich Muslime ungestört treffen können, meistens in der Nähe einer Moschee.

Nun denn! Wir trafen uns immer öfter und ich verstand sie immer besser. Ich begann den Koran auf deutsch zu lesen und mit der Zeit wusste ich, ich wollte konvertieren.“ Meine Mutter sagte:

„Sie rief mich an, um zu erfahren, wo du wärst. Du hast dich noch nicht mal von deiner Freundin verabschiedet. Du solltest dich schämen!“

„Lass nur! Wir wissen doch, das Caro mit den alltäglichen Dingen des Lebens nichts am Hut hat. Sie war schon immer neben der Spur!“ , knallte Celina mir vor den Kopf und grinste mich frech an.

„Schönen Dank für die Blumen, schönen Dank, wie lieb von dir!“, sang ich.

„Manchmal spielt das Leben mit dir gern Katz und Maus. Immer wird es das geben: Einer, der trickst dich aus.“, sprangen meine Mutter und Celina mit ein. (deutsches ‚Tom und Jerry‘ Intro).

Dann lachten wir drei so laut, das wir die ungeteilte Aufmerksamkeit aller erhaschten. Alle die den Text kannten sangen dann laut mit:

„Vielen Dank für die Blumen. Vielen Dank, wie lieb von dir. Es blühen rote Rosen und sind nur Souvenir. Es blühen die Mimosen wie ein Lächeln von dir. Es blühen Herbstzeitlosen, sagen tröstend zu mir: Was macht es schon, wenn ich einmal verlier?“

Mit Boris Becker zu sprechen: „Wir waren drin!“

All der Schrecken und der Stress, der letzten Wochen perlte von uns ab. Mama und ich hatten richtig Spaß und Celina, sie nennt sich jetzt Zarah, die Blume und ich kamen uns wieder richtig nahe. Sie meinte:

„Siehst du die Macht des Islams! Er erneuert unsere Freundschaft.“ Sie meinte das im Spaß – oder …?

Wie auch immer wir wurden von allen freudig aufgenommen und verplanten das ganze Wochenende mit ihnen. Wir nahmen an den Gebeten in ihrer kleinen Moschee teil, besuchten die große Madrasa (die Cafeteria ist keine echte Madrasa). Dort lernten wir den Imam Kemal Khan und den Sheik der Bruderschaft Hussein Nabil kennen. Der Imam war mir auf Anhieb sympathisch. All die Freundlichkeit und diese entspannte Höflichkeit im Umgang mit einander genossen meine Mutter und ich. Am Ende schenkte uns Kemal Khan einen deutschen Koran mit den Worten:

„Vieles ist aus der Zeit und doch, wenn man ihn richtig zu lesen lernt, ist er einem eine große Stütze! Wann immer ihr Fragen habt: ich bin für euch da!“

Am Sonntag Nachmittag brachte ich dann meine Mutter zurück. Sie wäre gerne noch geblieben und so versprach ich ihr, ihr für das nächste Wochenende ein Zimmer zu reservieren. Pete könnte sie ja bringen, denn ich stand kurz vor dem Examen und musste büffeln.

Pete, mein neuer Lieblingsbruder, wartete mit Kaffee und Kuchen schon auf uns.

„Nun, wie war es? Hattet ihr Spaß?“, begrüßte er uns.

„Und ob!“, sagte meine Mutter. Noch immer ganz aus dem Häuschen.

„Du darfst mich nächstes Wochenende nach Köln bringen, Caro mietet wieder ein Appartement für mich.“

„Das freut mich! Und du Caro? Wie war dein Wochenende?“

„Es war, um ehrlich zu sein, zauberhaft! Ich war schon lange nicht mehr so entspannt und das kurz vor dem Examen. Es hat sich wirklich gelohnt!“ und ich dachte wieder an Kemal Khan.

Stöhn! Sabber! Schluck!

Sollte ich mich schon wieder verknallt haben? Dummerweise verriet meine rote Birne mich, denn Mama und Pete grinsten sich wissend an.

„So Leute, ich muss los! Das Studium wartet nicht auf mich. Die nächsten Wochen werden verdammt heftig werden!“, sagte ich und wollte mich schnell verziehen, bevor ich noch blöde Fragen beantworten musste.

„Du solltest trotzdem etwas auf deine Wortwahl achten! Ich glaube, ich muss dir noch den Mund mit Seife ausspülen!“, sagte sie, doch lächelte dabei. Erst wusste ich gar nicht, wie mir geschah. Meinte sie etwa ‚verdammt‘?

Egal! Nichts, wie weg! Ich verabschiedete mich und fuhr los. Mich erwarteten wirklich harte Wochen.