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Caroline

Es klopfte und ich ging zur Tür. Dankbar für alles, was mich vom Schreibtisch wegholte. Es war Katrin. Ich musste dreimal hingucken, bis ich sie erkannte, sie trug einen Knöchel-langen, bunten Rock und einen seltsam weit geschnittenen Mantel mit langen, weiten Ärmeln, die hatten einen Bund, der sich über die Hände weitete und sie fast ganz bedeckte. Doch ihr Kopfschmuck war es, der sie so veränderte. Es war ein großes Kopftuch, dass ihr bis über die Schultern reichte und ihr Gesicht, wie eine Haube umrahmte. Jesus! Es war pink mit schwarzen Mustern. Schon ziemlich gewöhnungsbedürftig, aber dadurch schon wieder hübsch.

„Hi! Ich störe hoffentlich nicht? Ich wollte mal Hallo sagen und fragen, wie es dir geht.“, sagte der Paradiesvogel ( Schleiereule wäre in ihrem Fall falsch gewesen ).

„Sorry! Dass ich dich nicht sofort erkannt habe, liegt an deinem neuen Outfit! Komm rein! Wir trinken Kaffee und plaudern ein wenig, denn ich brauche dringend jemand, der mir einen Grund bietet, nicht zu büffeln!“

„Ich denke, du weißt nicht was für ein Tag heute ist, oder?“, frug sie.  „Ich sag es dir. Es ist Freitag und eigentlich wollte ich dich zu unserem Treffen abholen.“

„Verdammt! Dann sitze ich ja schon eine Woche an meiner Examensarbeit, ernähre mich von Obst, Joghurt und literweise Kaffee. Es wird Zeit für eine Auszeit und vernünftige Nahrung. Gehst du nach dem Treffen mit mir Essen, ich lade dich ein?!“, sagte ich.

„Wir gehen zum Treffen und danach machen wir einen kleinen Spaziergang zur Madrasa. Dort ist das Essen lecker und vor allen Dingen kostenlos. Die Frauen freuen sich bestimmt, dich besser kennenzulernen. Mach dich etwas frisch und dann gehen wir, ich trinke übrigens keinen Kaffee mehr.“ sagte sie.

Eigentlich mag ich es gar nicht, kommandiert zu werden. Aber, was sie sagte hatte Hand und Fuß. Also verschwand ich im Bad, um mich von einer Woche Schreibtisch zu renovieren.

„Ich lasse die Tür einen Spalt auf, dann können wir quatschen, während ich mich fertig mache, okay?“, sagte ich.

„Ich finde es Klasse, wie du dich bei meinem Anblick verhalten hast. Du weißt schon! Diese blöden Fragereien! Du hast wohl nur gedacht: Da kommt eine Schleiereule im Paradiesvogel-Look. Komm rein! Willst ‘n Kaff?“, sie lachte und ich musste schlucken. Kann die etwa auch noch Gedanken lesen?

„Nee, ich kann keine Gedanken lesen. Aber sehr gut Menschen einschätzen.“, antwortete sie mir auf meine Gedanken.

„Ich glaube, das kann noch ein sehr interessanter Tag werden.“, sagte ich und wir mussten beide lachen.

Ich flitzte zum Anziehen ins Schlafzimmer, schlüpfte in Jeans, T-Shirts und Sneaker. „Fertig! Wir können gehen!“, sagte ich.

„Äh, Für die Cafeteria ist es okay. Aber meinst du nicht auch für die Madrasa… Es ist schließlich ein Rückzugsort für Muslime!“ druckste sie.

„Hör mal! Ich hab nichts seriöseres, alles andere sind Lederminis und Sommerkleidchen.“, sagte ich ein wenig verärgert.

„Komm runter, Caro! Ich wollte dich ganz bestimmt nicht verärgern. Muslimische Männlein und Weiblein ticken halt ein wenig anders, als wir dekadenten Westler.“, sie grinste mich zweifelnd an.

„Was meinst du, lass uns bei mir vorbei schauen, ob wir was Passendes für dich finden. Wir haben Zeit genug.“, meinte sie.

„Wenn ich heute nicht in die Bücher gucken will, muss ich mich deiner Vorstellung von Mode wohl beugen, aber nichts mit Lila, okay?“, sagte ich und gab ihr nach. Auch fand ich die Vorstellung mich diesen Freitag als Muslimah zu verkleiden aufregend. Wir mochten uns und waren aufeinander neugierig.

Also gingen wir eine Etage hoch zu ihrem Appartement. Ich hätte es mir denken können! Das war keine Wohnungseinrichtung im herkömmlichen Sinne; das war siebziger Pop gemischt mit allen möglichen, irgendwie orientalisch aussehenden Replikmöbeln.

„Bow-wow! Das nenn ich mal ein Domizil vom Feinsten!“, entfleuchte es meinen Lippen.

„Vielen Dank für die Blumen!“, sang sie.

„Wie lieb von mir!“, gab ich zurück. Mit ihr brauchte man keinen Grund, um Spaß zu haben!

„Verstehe mich bitte nicht falsch! Ich will dir auf keinen Fall den Islam aufquatschen, dafür mag ich dich zu sehr. Ich habe hier haufenweise Klamotten, die ich nie wieder tragen werde. Ich nenne sie mal meine Übergangskleidung. Es dauert halt, bis man sich zum Hijaab und islamischer Kleidung durchgerungen hat. Hätte mir vor zwei Monaten jemand gesagt, ich würde konvertieren, ich hätte ihn ausgelacht. Also nimm dir, was immer du möchtest. Alles ist sauber und wird nicht mehr gebraucht.“

„Im Ernst? Du willst Muslim werden? Warum? Ich weiß, das sind die blöden Fragen, die keiner stellen sollte, aber auch du bist mir zu wichtig, als das ich das übergehen könnte, okay?“, sagte ich.

„Ich verstehe schon, wie du es meinst. Aber ich finde, heute Abend wollen wir uns amüsieren und wir setzen uns an einem anderen Tag zusammen und ich erkläre dir, wie mir geschah. Jetzt gibt es eine islamische Modenschau in zehn Minuten. Dann sollten wir langsam aufbrechen!“ Ich sagte:

„Ich vertraue dir! Gib mir, was ich anziehen soll und hilf mir falls nötig.“ Ratz, fatz stand ich da, als wären wir Schwestern. Ein wenig bunt vielleicht, aber auch hübsch und vor allen Dingen sehr sittsam. Jetzt war ich auch eine paradiesvogelartige Schleiereule.

--- Spätestens jetzt höre ich die Germanisten aufschreien ---

---Foltern kann auch Spaß machen, nicht wahr, Herr Jürgen von der Lippe?---

Aber weiter! In der Cafeteria wurden wir auf das Freundlichste empfangen! Einige bewunderten unsere Farbenpracht, andere enthielten sich eines Kommentars, aber keine machte bissige Bemerkungen, alle waren nett. Irgendwie schon komisch. Frauen unter sich, kenne ich eigentlich ganz anders. Tun die uns hier was ins Trinkwasser?

---Knapp vorbei geraten, Caro.---

Wie auch immer ein Abend ohne Stuten-Zickereien kann man nur genießen. Wir blieben allerdings auch nur eine halbe Stunde, denn mein Magen übertönte jedes mögliche Gespräch. Wir brachen auf zur Madrasa. Ob ich Kemal Khan dort antreffen würde. Der Mann ging mir einfach nicht aus den Kopf. Wenn ja, wie wird er auf mich paradiesvogelartige Schleiereule reagieren. Zitat: Schaun mir mal!

Wir hatten zwar einen strammen Fußweg vor uns, aber wir alberten herum und kicherten, wie dumme, kleine Teenies. Dann waren wir auch schon da.

Du betrittst das Vestibule -

(NEIN ich schreibe es nicht Vestibül – Ich scheiße auf Rechtschreibreformen, die mit Gewalt germanisieren - vive la france)

- und schon fühlst du dich sicher und geborgen. Es ist als ob man heimkäme. ‚Faszinierend‘ und ‚Lebe Lang und in Frieden‘ würde Spock jetzt sagen.

Ich schweife ab. Wir wurden sofort freundlich empfangen und als ich im Frauentrakt gefragt wurde, ob ich etwas essen möchte, wollte ich aus Scham schon verneinen. Doch Katrin sagte knallhart, im besten Kölsch:

„Datt Mädje ka‘mer jo et Vatterunser dorch de Rebbe blose. Isse nur am studiere! Ätte hätt de janze Woch noch nix zom esse hätt.“

Ich liebte es, wie diese Frau sich produzieren kann. Sie überraschte einen immer wieder aufs Neue, da kam nie Langeweile auf. Aber jetzt wollte ich dann doch lieber vor Scham im Boden versinken. Aber wir sind in Köln und aus allen Ecke erklang ihr Dialekt. Ich verstand kein Wort mehr. Ich ließ mich an einen Tisch führen und ganz wichtig: verwöhnen. Alles war gut!

Danach saßen wir Frauen beieinander quatschten über dieses und jenes. Gegen 20:00 Uhr hieß es Abschied zu nehmen. Als wir den Frauenflügel verließen, wartete der Imam auf uns.

Schluck!

„Entschuldigt bitte meine Neugier, ihr Damen, aber einige Brüder sahen zwei bunte Vögelchen in die Madrasa flattern. Da musste ich als Imam natürlich nach dem rechten schauen.“, sagte er breit grinsend.

„Tja, mein Liebster! Die Vögelchen flattern jetzt aber in ihr Nest, damit sie pünktlich zu Ehren Allahs ihr Fajr tirilieren können.“, sagte Katrin und ich starb zum wiederholten Male.

Gott! Meine knallrote Birne musste man noch bis Mekka sehen können! Ich war über beide Ohren in ihn verknallt. Bitte Katrin sag jetzt NICHTS! Der Gute hatte die Situation voll im Griff.

„Nun denn! Ich bin vielleicht ein Vogelliebhaber aber ganz bestimmt nicht dein 'Liebster'. Und wenn du nächsten Freitag deine Schahada sprichst, solltest du dich Tharthar nennen. Das ist ein hübscher Name für dich. Aber eigentlich bin ich hier um Caro meine Liebe zu gestehen, zu fragen ob sie sie erwidern kann.“

Bevor ich überhaupt nachdenken konnte, plapperte ich los:

„Von ganzem Herzen liebe ich dich!“ Oh, Gott! Was hatte ich getan.

„Ich bin immer für dich da und warte auf dich. Lass dir die Zeit, die du brauchst. Ich hoffe, ich darf dich jetzt öfter sehen. Draußen wartet ein Bruder mit dem Auto auf euch. Er wird euch sicher ins Studentinnenhaus zurückbringen. Allah segne euch!“

Während wir die Stufen hinuntergingen, hörte mein Herz nicht auf zu rasen. Ich musste mich nochmal umschauen. Unsere Blicke trafen sich und da wusste ich, er war der einzig Richtige. Wir waren für einander bestimmt. Katrin hielt auf dem Heimweg ihre Klappe. Danke Katrin!