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Ottatal

T_G's Miniserie 'Das Ottatal' wird Gadis neue Heimat und ihre Abschiedsvorstellung

Amir Arslan

Murad brachte uns zum Flughafen. Ich war so glücklich, endlich nach Hause zu kommen. Ich hatte alles geschafft, was ich in Deutschland erreichen konnte. Ich war Ingenieur und hatte eine junge, hübsche Frau. Wir liebten uns von ganzem Herzen. Was wollte ich mehr? Vielleicht würde es Gadi anfangs schwer fallen, die neuen Sitten zu akzeptieren, aber ich war mir sicher, schon bald würde sie eine echte Kram werden. Sie hatte sich für die Reise einige blaue Kleider und Schleier im Burqastil genäht. Denn Blau heißt bei uns Kram immer Frau und Männer kleiden sich immer weiß. Nun, sie ist Designerin. Ich schätze sie wird mit ihren Designideen eine Menge Aufsehen bei den Frauen in Ottakram verursachen.

Endlich landete unser Flieger in Pakistan und Ben wartete schon auf uns, um uns direkt weiter ins Ottatal zu fliegen. Er war Ami. Wir Asiaten mochten sie immer. Nicht, das wir sie liebten, dass steht seit den Drohneneinsätzen auf einem anderen Blatt.

„Hallo, Amir!“, begrüßte er uns. „Fünf Jahre ist es her, dass ich dich zum Flieger nach Deutschland brachte und nun sehe ich einen Ingenieur mit seiner Frau.“ Wir fielen uns in die Arme und klopften uns auf die Schultern. Ben, der verrückte Hund, lebte immer noch. Wer seine Vita kennt, könnte meinen, er wäre eine Katze, sooft ist er schon am Tod vorbei gekratzt. Vor allen Dingen aber war er eine treue Seele.

„Darf ich dir meine Frau Gadi vorstellen. Gadi – Ben, Ben – Gadi.“, sagte ich. Ich freue mich Sie endlich kennenzulernen. Mein Mann ist von Ihnen ganz begeistert.“, sagte sie in einem etwas holprigen, aber korrektem Englisch.

„Sie sind Deutsche?“, fragte er. Sie nickte nur.

„Nun, Sie sind die erste aus dem Westen, die ich ins Ottatal bringe und die die richtig  gekleidet ist. Steigt schon mal ein, währenddessen verstaue ich euer Gepäck.“ Der Flug verging schnell, denn Ben versorgte uns mit dem aktuellen Ottatalklatsch.

Wir landeten neben dem Verwaltungsgebäude. Als wir rausschauten, sahen wir unser Empfangskomitee. Mein Vater Abdul stand zwischen dem Bürgermeister und dem Direktor der Pipeline Company. Hinter ihnen stand meine Mutter Selima. Als wir ausstiegen, wurden wir zuerst von meinem zukünftigen Chef, dem Pipeline Direktor Leslie Ford begrüßt.

Dann konnte ich endlich meine Familie in die Arme schließen. Gadi begrüßte meinen Vater traditionell und ging dann zu meiner Mutter, die sie umarmte und willkommen hieß.

„Amir hat uns geschrieben, du wärst in Deutschland eine berühmte Modedesignerin für islamische Mode gewesen. Deine Burqa sieht fantastisch aus.“, sagte sie zu Gadi.

„Ich habe doch nur einige Entwürfe verkauft, was ist da schon dabei?“, sagte Gadi bescheiden. Ich kenne meine Mutter. Jede Frau hier im Ottatal wusste von der Ankunft der berühmten Designerin und Ehefrau ihres Sohnes. Gadi strauchelte und fiel fast in Mutters Arme.

„Was ist, Liebes? Geht es dir nicht gut?“, frug ich sie und hielt sie im Arm.

„Es ist nichts! Ich fühle mich nur etwas geschwächt von der langen Reise.“, sagte sie.

„Wir gehen sofort nach Hause, es ist nicht weit, und dann kriegst zu trinken und essen und dann ruhst du dich erstmal aus, mein armes Kind.“, konstatierte Mutter und wir gehorchten ohne Widerrede. Wieder strauchelte sie und ich nahm sie kurzer Hand auf den Arm und trug sie. Im Haus meines Vaters angekommen, rannte ich sofort mit ihr nach oben, meine Mutter dicht hinter mir. Als ich sie abgelegt hatte, wurde ich von den Frauen verjagt. Hier galt, Frauen kümmerten sich um Frauensachen und Männer sollten dann verschwinden. Eine bange halbe Stunde verging. Endlich kam Mutter zu uns und sagte:

„Ihr geht es wieder gut. Sie schläft jetzt.“

„Aber, ist sie krank?“, wollte ich wissen.

„Nein, ihre Burka hatte einen großen Fehler. Er verhinderte, dass sie genug Sauerstoff bekam, speziell, wenn sie saß und hinzukommt, dass sie jetzt für zwei Personen atmen muss!“ Ich hörte, das Gekicher aus dem Frauentrakt, während ich damit beschäftigt war, meine Kinnlade am Berühren des Bodens zu hindern und ich stotterte:

„D...d. du meinst, s.. sie ist schwanger?“ Meine Mutter ging wortlos nach oben und Vater sagte trocken:

„Herzlichen Glückwunsch!“ Daraufhin erfolgte der obligatorische Indianertanz: ‚Ich werde Vater‘. Ich konnte mein Glück nicht fassen und wollte die ganze Welt umarmen. Ich stürzte mich auf meinen Vater und umarmte ihn. Er sagte nur knochentrocken:

„Schon dich! Wenn du erst vier Frauen hast, willst du dann den ganzen Tag tanzen? Am besten du gehst in dein Zimmer und haust dich aufs Ohr. Morgen ist auch noch ein Tag." Er hatte recht, die lange Reise machte sich auch bei mir bemerkbar und ich ging zu Bett.

Gadi

Der Ruf zum Morgengebet weckte mich. Ich brauchte eine Weile, um die letzten Ereignisse zu rekapitulieren.

„Guten Morgen, meine Tochter! Ich bin‘s, Selima. Wie geht es dir heute?“, frug mich meine Schwiegermutter auf Kram und als ich nicht reagierte nochmal auf Englisch.

„Entschuldige, Selima, ich bin noch nicht ganz da.“, erwiderte ich in Kram. Mein Realschul-Englisch war so schlecht, da konnte ich direkt mit Kram anfangen, auch wenn ich die Sprache kaum beherrschte. Sie reichte mir einen großen, dampfenden Becher Kaffee. Allah, segne sie!

„Deine Burqa ist wirklich wunderschön, du warst nur etwas zu großzügig mit dem Stoff und hattest nicht auf ausreichende Belüftung, speziell beim Sitzen, geachtet. Du bist durch O2-Mangel ohnmächtig geworden. Das ist nicht gut für eine schwangere Frau!“, sagte Selima. Beinahe hätte ich mich am heißen Kaffee verschluckt.

„Schwanger? Ich? Jetzt schon?“ laberte ich.

„Ich glaube schon! Wir gehen heute Nachmittag zum Arzt, damit wir sicher sind.“, sagte sie. Dann ließ sie mich allein und es näherten sich mir drei andere Burqas.

„Hallo Gadi! Ich heiße Talibe und bin zweite Blau. Ulima hier ist dritte Blau, daneben Vega die vierte Blau von Abdul Arslan. Willkommen erste Blau von Amir Arslan. Wir wollen gleich beten, aber trinke bitte in Ruhe erst deinen Kaffee aus.“ Wie nett, sie ließen mich in Ruhe und ich konnte den Schock über meine Schwangerschaft verdauen.

Es war wohl alles etwas zu viel für die kleine Gadi gewesen. Plötzlich Ehefrau, der Verlust meiner Liebsten: Mama, Murad, Selima und Fida und dann fast in meiner Burqa erstickt. Hier war ich eine Kram, erst Blau von Amir Arslan, der bald noch drei weitere Frauen heiraten würde und zu guter Letzt auch noch schwanger. Ich glaube genug für einen kleinen Kulturschock. „Süße, bist du fit genug, um mit uns zu beten?“ Selima kam zu mir mit etwas blauem im Arm. Ich nickte und sie reichte mir eine Burqa. Als ich sie überzog, war meine Sicht natürlich wieder stark eingeschränkt, aber sie war erstaunlich leicht und luftig.

Nach dem Fajr zeigte mir Selima das Bad. Endlich konnte ich den Schmutz der langen Reise abwaschen und die frischen Kleider, die Selima mir gab, anziehen.

„Heute wird Vega ausnahmsweise deinen Mann bedienen. Ich möchte, dass du dich noch ein wenig schonst und ich will mich um dich kümmern. Nach dem Duhr gehen wir dann zum Arzt.“, sagte sie. Ich musste lernen, mich ihr unterzuordnen, denn sie würde mich in dieser für mich so fremden Welt anleiten.