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Caroline

Ich war wieder in meinem Appartement. Gott! In was habe ich mich da wieder hineingeritten? Ich sah ihn und mein Verstand setzte komplett aus. Wenn das die wahre Liebe ist, dann war ich noch nie verliebt. Caro denk nach! Der Mann ist bestimmt Mitte, wenn nicht Ende dreißig. Er ist mindestens fünfzehn Jahre älter als du. Zumindest theoretisch könnte er dein Vater sein. Er ist nicht nur Moslem sondern auch Imam. Was für ein Leben erwartet dich an der Seite dieses Mannes? Rien ne va plus!

Es war erst 22:00 Uhr. Noch Zeit zum Büffeln! Ich startete meinen Laptop und arbeitete weiter an meiner Examensarbeit. Dachte ich. Als ich wieder auf die Uhr schaute, war es 02:00 Uhr Nacht. Ich hatte nicht ein Wort geschrieben. Vier Stunden hatte ich an Kemal Khan gedacht. Das konnte doch nicht wahr sein! Ich klappte den Laptop, zu ging ins Bad, stellte mich unter die kalte Dusche und putzte mir die Zähne. Ich wickelte mich in meinen Bademantel und hüpfte unter die Bettdecke. Doch ich fand keine Ruhe. Ich hatte Sehnsucht. Es tat mir körperlich fast weh. Ich fand einfach keinen Schlaf, verdammt nochmal.

„Isha! Ich sollte das Nachtgebet sprechen!“, dachte ich. Vielleicht brachte mich sein Allah zur Ruhe? Ich musste improvisieren, denn ich wusste nicht, wie man es spricht. Ich bat Allah, um meinen Seelenfrieden. Meine Familie hatte mit Religion schon mal gar nix am Hut. Ich betete zum ersten Mal in meinem Leben. Plötzlich spürte ich eine tiefe Gelassenheit und der Schmerz in meiner Brust war beinahe fort. Ich legte mich wieder ins Bett und schlief tief und fest wie ein Murmeltier.

Laut klopfte es an meiner Tür. Meine Mutter schrie:

„Caro geht es dir gut? Bist du in Ordnung? Mache doch bitte auf!“ Benommen schaute ich auf meinen Wecker. Es war 5:00 Uhr. Was wollte meine Mutter mitten in der Nacht von mir? Ich schlurfte zur Tür und öffnete ihr. Hinter ihr stand Paradiesvogel Katrin.

„Was wollt ihr? Warum weckt ihr mich mitten in der Nacht? Spinnt ihr?“, brummte ich noch schlaftrunken.

„Wie? Mitten in der Nacht? Wir haben 17:00 Uhr, du Schlafmütze!“ sagte Katrin, die unaufgefordert mit meiner Mutter eintrat. Wie auch sonst?

„Blödsinn! Ich habe doch nicht… Scheiße! Das gibt`s doch nicht! Ich hab den ganzen Samstag verpennt.“ Katrin sagte, während sie Richtung Küche ging:

„Ich setzt schon mal Kaffee für dich auf.“

„Caro, Caro! Muss ich mir Sorgen, um mein Mädchen machen?“,frug Mama.

„Nein, ich hab`s mit dem Büffeln wohl etwas übertrieben. Ich nehme mir für ein, zwei Tage eine Auszeit.“, antwortete ich ihr.

„Das ist gut! Spring unter die Dusche und komm mit uns in die Madrasa.“, sagte sie.

„Das Asr habe ich deinetwegen schon verpasst. Dann will ich zumindest am Maghrib teilnehmen.“

„Ich bin noch nicht ganz da! Gebt mir bitte eine halbe Stunde.“, sagte ich und setzte mich zum Kaffeetrinken in die Küche. Mit jedem Schluck kamen die Lebensgeister zurück. Nach dem ich den Kaffee ausgetrunken hatte, duschte ich. Im Schlafzimmer hatte mir Katrin saubere Kleidung hingelegt, die Gute. Ich zog mich sorgfältig an und gab mir besondere Mühe mit dem Kopfschmuck. Ich möchte Kemal schließlich gefallen. Na ja! Ein bisschen zu bunt fand ich mich schon! Auch wenn Katrin das dezenteste, was sie hatte, für mich herausgesucht hatte. Montag werde ich als erstes eine islamische Boutique aufsuchen und etwas Passenderes kaufen. Jetzt aber schnell. Ich darf doch Kemal nicht warten lassen. Auf dem Weg zur Madrasa nervte ich die beiden mit dauernden Fragen nach meinem Aussehen. Bis meiner Mutter der Geduldsfaden riss:

„Hör auf uns mit deiner blöden Fragerei zu nerven. Du bist bis über beide Ohren in den Imam verknallt. Deine Mutter kennt die Männer. Egal, wie wir uns herausputzen, die Kerle sehen das nicht.“

Ich kriegte da wohl einen lichten Moment und frug mich selbst, warum ich mich so bescheuert aufführte. Doch dann betraten wir die Madrasa und ich suchte wie verrückt nach meinem Kemal. Und fand ihn nicht. So folgte ich einsam meinen Gefährtinnen in den Frauenflügel. Katrin wurde seltsam still und ernst. Stimmt ja, sie wollte heute Muslimah werden. Wie üblich begrüßten uns die Frauen ruhig, aber sehr liebevoll. Ich hatte etwas den Eindruck, als würde ich von ihnen heimlich fixiert werden. Ich schnappte leises Flüstern hinter mir auf: wie Ehefrau und auch Imam. Und diese entsetzliche Sehnsucht brannte wieder in mir auf und blies den letzten Rest Verstand aus meinem Gehirn. Dann brachen wir zur Moschee auf, damit Katrin ihre Schahada sprechen konnte.

„Mama, was ist mit mir los? Ich glaube, ich beneide Katrin ein wenig.“, frug ich sie.

„Ich glaube, wir verändern uns. Auch ich fühle mich von diesen Leuten immer mehr angezogen.“, gab sie mir zur Antwort und ich war genau so schlau, wie vorher. Ich musste den Imam, meinen Kemal fragen. Immer wieder dachte ich an ihn als ‚mein Kemal‘. Drei Frauen sprachen an diesem Freitag ihre Schahada. Nach dem Maghrib kehrten wir in den Frauenflügel zurück.

Ich verdrückte mich ins Vestibule, in der Hoffnung hier Kemal zu finden. Unentschlossen lief ich einige Minuten dort hin und her.

„Caro, bist du es?“, kam es hinter einem Pfeiler hervor.

„Ja, Kemal, ich habe dich gesucht.“, sagte ich. Er kam zu mir und ich wollte in seine Arme springen. Er sagte aber:

„Hier nicht. Wir gehen in mein Büro.“ Seine Bürotür wurde von einem Pfeiler verdeckt und als wir davor standen, sagte er mir:

„Hier kannst du mich fast immer finden. Aber du musst unsere Etikette beachten. Du klopfst dreimal und stellst dich dann mit dem Gesicht zur Wand neben die Tür und wartest, bis du herein gebeten wirst. Am besten üben wir das mal.“, und er verschwand in sein Büro und ließ mich, wie ein dummes Kind draußen stehen. Doch er hätte Schlimmeres mit mir anstellen können. Ich war ihm mit Haut und Haaren verfallen. Gehorsam klopfte ich dreimal, stellte mich mit dem Gesicht zur Wand neben die Tür und wartete und wartete und wartete. Ich war nicht die Spur ungeduldig, dass er mich vor seiner Tür warten ließ, fand ich okay.

„Sehr gut! Komm rein! Knie dich auf das Kissen neben der Tür.“, befahl er mir. Er ging zu seinem Schreibtisch. Jetzt erst erkannte ich eine zweite Person im Raum, Sheik Hussein Nabil. Er sagte:

„Sie macht sich wirklich gut. Sie wird bestimmt mal eine sittsame und devote Muslimah werden. Ich denke, du hast mit ihr eine gute Wahl getroffen.“

Was war nur mit mir los. Egal, ob verliebt oder nicht, ich hätte den Kerl noch vor einer Woche für den Spruch in der Luft zerrissen. Doch stattdessen empfand ich Freude für das Lob.

„Ich nehme an du bist keine Jungfrau mehr. Ist das richtig?“

„Nein! Ich bin noch Jungfrau.“, erwiderte ich und war auch noch stolz darauf. Was ist nur mit mir los?

„Das ist ja fantastisch! Bist du bereit, das Weib Imam Kemal Khans zu werden? Ihm gehorchen und dienen? Dann antworte jetzt mit ja.“

„Ja! Ich möchte Kemal Khans Weib werden.“, platzte es förmlich aus mir heraus.

„Du wirst am nächsten Freitag deine Schahada sprechen und in vier Wochen wirst du sein Weib. Bis dahin darfst du den Frauenflügel nicht mehr verlassen, um deine Reinheit zu bewahren.“

„Bitte, darf ich den Imam etwas fragen?“, meldete ich mich demütig.

„Natürlich! Was möchtest du wissen, meine Liebe?“

„Bitte, verstehe mich nicht falsch. Ich bin wirklich sehr stolz und glücklich dein Weib zu werden. Es geht um mich. Ich verstehe mich selbst nicht mehr. Ich fühle und denke heute vollkommen anders, als noch vor zwei Wochen. Kannst du es mir erklären? Ich bin vollkommen verwirrt.“ Der Imam sagte:

„Du bist nicht die Erste, die mich danach fragt. Die Werte, die wir hier vertreten, stehen im Gegensatz zu allem, was du mal geglaubt hast, was für dich gut und richtig war. Du hast einen Kultur Schock. Vier Wochen in dem Frauenflügel werden dich lehren zu verstehen. Hab Vertrauen!“, erklärte er mir.

„Dann werde ich dich erst nächsten Freitag zu meiner Schahada wiedersehen?“, frug ich.

„Nein! Wir sehen uns erst bei unserer Hochzeit wieder.“, sagte er und ich war stumm vor Schreck. Vier lange Wochen darf ich meinen geliebten, zukünftigen Ehemann nicht sehen. Ich sah eine Bewegung in der Ecke neben mir. Es erhob sich ein schwarzes Gespenst.

„Das ist meine Mutter Rana. Du wirst ihr aufs Wort gehorchen und dich ihr vollkommen unterordnen. Geh jetzt mit ihr. Sie wird dir alles zeigen und dich lehren, was das Weib eines Imam können muss.“

Ich folgte ihr in ein neues, unbekanntes Abenteuer.