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Caros Kulturschock

Ich folgte Rana in einen fast leeren Raum. An einer Wand standen drei seltsam geformte Kissen und hinter ihnen drei hohe Schränke. Auf einer Bank saßen zwei weitere schwarze Geister. Rana setzte sich zu ihnen und gab mir ein Zeichen, mich vor ihnen hinzuknien. Eine der Frauen reichte mir ein iPad ähnliches Display auf dem stand noch mal: ‚Du wirst aufs Wort gehorchen und dich vollkommen unterordnen.‘ Rana nahm ein anderes Display zur Hand und schrieb:

„Dieses Display gehört dir. Es ist ab jetzt für dich die einzige Möglichkeit zu kommunizieren. Sprechen ist dir streng verboten. Solltest du es trotzdem tun, wirst du geknebelt und geschlagen.“

Ich war erstarrt vor Schreck. Ich ahnte, das ich jetzt besser meine Klappe hielt. Sie meinten es todernst. Als ich auf mein Display eine Antwort schreiben wollte, las ich:

„Du brauchst nie zu antworten, wenn dir befohlen wird. Du musst nur gehorchen.“

Langsam bekam ich Angst.

„Geh mit Fatma nach nebenan. Sie wird dich neu einkleiden.“ Ich folgte dieser Fremden und auf meinem Display erschien: Ausziehen!

Ich kam der Aufforderung so schnell ich konnte nach. Sie reichte mir einen schwarzen Omaschlüpfer, der mir unten bis zu den Füßen und oben bis über den Bauchnabel reichte. Er war im Schritt zugeknöpft. Anschließen kam ein Hemd, ebenfalls schwarz, mit langen Ärmeln, welches mir vom Hals bis zu den Knien reichte. Weiter ging es mit einem schwarzen Kopftuch, sodass nur noch das Gesicht von mir übrigblieb. Anschließend schwarze blickdichte Socken und Armstulpen, welche sie über die Ärmel meines Hemdes zog. Die Handschuhe wurden über die Stulpen gezogen, so dass ich bis auf mein Gesicht vollkommen schwarz verhüllt war. Das nächste Kleidungsstück war eine Überkopfabaya mit Butterflyärmeln. Die Ärmel wurden am Hochrutschen gehindert, indem die am Ärmel der Abaya befestigten Schlaufen über die Mittelfinger gezogen wurden. Sie drückte mir vorsichtig Stöpsel in die Ohren an denen kurze Kabel hingen. Dann war ich bereit für den Niqab. Nach wenigen Augenblicken verschwanden meine blauen Augen für immer hinter einem schwarzen engen Gitter. Jetzt wurde mir noch ein großes schweres Tuch über den Kopf gelegt und mit einer goldenen Spange vor meiner Brust zusammengehalten. Zum Schluss wurden meine Füße ausgemessen. Wir gingen zurück zu den anderen. Ich war jetzt das vierte schwarze Gespenst. Ein gesichtsloser Kegel. Mir wurde bald heiß unter all dem schweren Stoff und auch atmete ich durch die dicken Schleier einen Teil meiner verbrauchten Luft ein. Sie führten mich zu einem der großen Kissen. Mir wurde die Hose wieder ausgezogen. Ich musste mich weit gespreizten Schenkel hinknien um langsam in das Kissen zu gleiten. Es gab ein saugendes Geräusch und ich spürte wie ich bis zum Hals fixiert wurde. Sie hielten mir ein Tuch vor den Mund und ich war weg.

Als ich wieder aufwachte, hatte ich in der Nase Atemschläuche und im Mund einen aufblasbaren Knebel mit Magensonde. Ich konnte weder Hören noch Sehen oder Sprechen, mir war durch das Kissen jede Bewegung unmöglich. Ich hatte keine Panik. Ich war die Ruhe selbst. Ich hatte das Gefühl, das mich das alles nichts angeht und dass ich alle Zeit der Welt hätte. Irgendwann sah ich einen dünnen ,nebligen, weißen Strich vor mir. Scheinbar Äonen später erkannte ich, dass es sich um ein Laufband mit mir unverständlichen Zeichen handelte und es bewegte sich seltsamerweise von rechts nach links. Ich vernahm ein sehr leises Geräusch aus weiter Ferne. Es erinnerte mich ein wenig an das Gejaule einer Katze. Mein Leben lang kannte ich nur Gas geben und hier und jetzt wurde ich komplett ausgebremst. Und doch; ich war restlos zufrieden mit meinem Los. Ich hätte ewig hier verharren können. Ich war nun ohne jegliches Zeitempfinden. Die Schrift auf dem Laufband wurde immer klarer, es war arabisch und gleichzeitig wurde das Gejaule zu Gesang. Je deutlicher ich hören und sehen konnte, desto tiefer versank ich in meine kleine Welt und erreichte bald einen Punkt totaler Passivität. Ich war mir nicht einmal mehr bewusst, ob oder was mit mir geschieht. In diese Leere ergoss sich meine neue Religion, der Koran im Original erschloss sich mir. Kurzum ich wurde eine richtige salafistische Muslimah. Dazu bestimmt ein Leben im Verborgenen zu führen, Allah eine hingebungsvolle Dienerin, Ihrem Mann ein gehorsames Weib und Mutter seiner Kinder zu sein.

Drei Wochen später. Eingehüllt in meine Schleier wurde ich vom Ruf des Muezzin zum Fajr geweckt. Ich betete und lief zum duschen ins Bad. Dann zog ich mir saubere Kleidung an. Alles musste schnell gehen. Als ich fertig war, war ich ein anonymer, gesichtsloser Kegel. Es war für mich eine große Herausforderung in all diesen Schleiern. In der Hausarbeit trug ich dicke Gummihandschuhe über den Satinhandschuhen, wodurch ich kaum mehr Gefühle in den Fingern hatte. Schlimm war es, alles durch einen schmalen Schlitz zu sehen und obendrein lag noch ein durchsichtiges Tuch darüber. Dicht genug, um meine Augen für Außenstehende unsichtbar zu machen, mir aber ermöglichte das Wenige, was ich sehen konnte, in ein graues, farbloses Licht zu tauchen. Und dass ich, bedingt durch die dicken Schleier vor dem Gesicht meine verbrauchte, heiße Luft immer wieder mit einatmete, kostete mir richtig Energie. Die Hitze und die Atemnot zwangen mir ein langsames Arbeitstempo auf. Wenn ich zu schnell war, fiel ich in Ohnmacht. Alles fühlte sich an, wie durch eine heiße, dichte Nebelwand. So kroch ich wie eine Schnecke durch den Tag. Da ich schon ab fünf Uhr morgens permanent mit Hausarbeiten und Beten beschäftigt wurde, fiel ich Abends hundemüde und erschöpft ins Bett. Leichtigkeit war eine schöne Erinnerung. Rana unterwies mich liebevoll aber unerbittlich in meine täglichen Routinen. Erst nach dem Maghrib musste ich nicht mehr arbeiten, sondern durfte den heiligen Koran studieren. Ich war Musikerin und vermisste die Musik, doch Rana schrieb nur lapidar:

„Handele immer zu Ehren Allahs! Jeder Verzicht, jede noch so schwere Last und die Hitze unter den Schleiern sind nichts gegen die Qualen, die dich in der Dschahannam erwarten. Egal was du tust. Sage jedes Mal so laut, dass ich es hören kann: ‚Zu Ehren Allahs‘!"

Zu meinem Erstaunen fügte ich mich; mich alldem zu widersetzen, erschien mir immer mehr suspekt, vollkommen undenkbar. Ich tauchte immer tiefer in mein neues Leben als Muslimah und in meine Rolle als unterwürfiges und sittsames Weib eines salafistischen Imams ein. Manchmal dachte ich noch an den Verlust meiner Freiheiten, wie die Musik, die Kleider, das Studium, überhaupt mein selbstbestimmtes Leben, nach. Doch ich empfand bald nur noch Scham, nicht Sehnsucht. Ich wollte Caro vergessen! Die West-Frau, die alles in ihrem Leben selbst bestimmte und sich nichts und niemanden unterordnete, war jetzt eine gehorsame, unterwürfige Dienerin Allahs und der Familie geworden. Ich hörte auf an das alte Leben zu denken und gewöhnte mich immer mehr an mein neues Leben, ich begann es zu lieben und war in freudiger Erwartung auf meine Ehe mit Kemal Khan. So kam ich nur noch still und unterwürfig meinen Pflichten nach. Ora et labora! Inshallah!

Bis zur Hochzeit durfte ich auch meine Mutter und meinen neuen Bruder nicht sehen, darunter litt ich sehr. Ich schrieb Rana wie sehr ich mich nach meiner Mutter sehnte. Doch sie lehnte es ab. Am nächsten Tag bettelte ich wieder. Doch sie schrieb wieder Nein und befahl mir mit dem Betteln aufzuhören. Als ich trotz allem nicht aufhörte zu betteln, bekam ich zum ersten Mal in meinem Leben zu spüren, wie sich ein Rohrstock auf dem nackten Po anfühlte, wenn er zehnmal mit Schwung darauf landete. Schnell begriff ich, was eine harte Schule bedeutete. Ich musste zwei Wochen auf dem Bauch schlafen. Und doch kam jeden Abend Rana zu mir und rieb meinen wunden Hintern mit Heilpaste ein. All das nur, um mir klar zu machen, dass Rana mit meiner Heirat meine Mutter sein wird, der ich dienen und gehorchen musste bis zu ihrem letzten Tag.

Am Freitag hörte ich seit Wochen meine Stimme wieder, als ich die Shahada sprach. Seit dem heiße ich Zada, die Glückliche. Noch eine Woche bis mein Kemal mich in seine Arme schließt.

Wie jeden Morgen lief ich in die Küche, um Kemal sein Frühstück zuzubereiten. Bedienen würde ihn, solange ich noch nicht sein Weib war, seine Mutter Rana. Keine fünfzig Meter trennten uns von einander und doch durfte ich nicht zu meinem Geliebten. Das war hart.