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Veronika Lichter

Ich saß mit den Frauen zusammen in der Madrasah und wir feierten die Shahada der ehemaligen Katrin – sie heißt jetzt Zarah (die Blume).

Irgendwann vermisste ich Caroline. Ich vermutete sie im Vestibule, um ihren Kemal zu treffen. Ich machte mich auf den Weg. Ich sah noch von Weitem, wie sie hinter einem Pfeiler verschwand. Leise näherte ich mich ihr und sah, wie sie dreimal an eine Tür klopfte, sich mit dem Gesicht vor die Wand stellte und scheinbar auf etwas wartete. Es dauerte ein Zeit lang und ich wurde ungeduldig. Gerade als ich sie ansprechen wollte, öffnete sich die Tür und sie schlüpfte schnell in hindurch. Ich wollte Mäuschen machen, doch die Tür war aus dicker Eiche und dicht. Als nach einer geraumen Zeit nichts geschah, ging ich zurück zu Zarahs Feier.

Als es Zeit wurde zu gehen, kam eine schwarzer Geist zu mir und reichte mir ihr Display. Darauf stand:

„Ich bin Rana! Caroline wird in vier Wochen meinen Sohn Kemal Khan, den Imam, heiraten. Bis dahin verbleibt sie in meiner Obhut. Sie muss noch viel lernen!“ Sie entnahm mir ihr Display und ging.

Ich war wie vor den Kopf geschlagen! Hatte ich da nicht auch noch ein Wörtchen mit zu reden? Also ging ich schnurstracks zu ihm. Ich klopfte an seine Bürotür, doch niemand öffnete mir. Ich erinnerte mich, dass Caro dreimal geklopft hatte und dann mit dem Gesicht zur Wand wartete. Das war demütigend! Ich musste dreimal schlucken, bis ich meinen Stolz überwand, um es ihr gleich zu tun. Da stand ich nun mit dem Gesicht zur Wand und wartete, wartete,… „Du willst wissen wie es deiner Tochter geht, also bleibe stur!“, sagte ich mir immer wieder.

Der Sheik Hussein Nabil und Kemal Khan beobachteten Veronika, wie sie nun schon zehn Minuten geduldig die Wand anstarrte.

„Sie ist eine gute Mutter! Das gefällt mir sehr gut! Ich will ihren Segen!“, sagte Kemal Khan und ging Veronika die Tür zu öffnen.

„Komm, bitte, herein, Mutter.“, sagte er ihr. Ich dachte: „Er nennt mich Mutter und mir wird es warm ums Herz. Ich mag ihn eigentlich sehr gern, ein richtig netter und gestandener Mann.“ Er führte mich ins Wohnzimmer, dort saß ein älterer Araber, der mir als Sheik Hussein Nabil vorgestellt wurde. Er strahlte förmlich so eine Dominanz aus, dass ich mich ihm gegenüber klein und unbedeutend fühlte. Das ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht passiert.

„Ich werde in vier Wochen deine Tochter heiraten. Ich hoffe, du freust dich für uns.“, sagte er. „Was ist mit mir nur los? Ich fühle mich im Beisein dieser Männer so klein!“, dachte ich noch, um dann loszuplappern:

„Oh..ähem...ja,ja natürlich freue ich mich, wenn du meine Tochter zur Frau nimmst. Kann ich bitte zu ihr?“, bat ich verlegen.

„Wenn deine Tochter heiratet, verlierst du sie an die Schwiegermutter und wenn dein Sohn heiratet, bekommst du eine neue Tochter.“, sagte der Sheik.

„Sie darf bis zur Heirat niemanden außer Rana sehen. So gewöhnen sich alle rechtzeitig daran. Du darfst jetzt gehen.“

„Ich danke euch für die Belehrung und freue mich auf die Hochzeit meiner Tochter. Bitte bestellt ihr und Rana liebe Grüße von mir.“, sagte ich ganz devot und vertrauensvoll.

„Freue dich und sei stolz und glücklich! Bald bist du die Mutter einer gut verheirateten Tochter.“, sagte der Imam, während er mich hinaus begleitete.

Beruhigt ging ich zu den Appartements, um mit Zarah zu sprechen. Es waren noch einige Frauen da, die mit ihr ihre Shahada feierten.

„Hallo, Veronika! Komm bitte herein!“, sagte sie. Als ich die anderen Frauen sah, wollte ich nicht stören und wieder gehen.

„Unsinn! Liebe Freundin! Du bist mir an meinem Freudentag mehr als willkommen! Selbstverständlich bleibst du!“ Ich wurde von allen freundlich begrüßt und sie boten mir Tee mit Gebäck an. Die angebotene Shisha lehnte ich allerdings ab.

„Ich hatte gehofft, du bringst Caro mit. Wo steckt die eigentlich?“, frug sie mich.

„Sie ist in der Obhut Ranas, der Mutter unseres Imam und Rana bereitet sie für die Ehe mit ihrem Sohn vor.“, antwortet ich ihr wahrheitsgemäß. Es rief auf Zarahs Gesicht ungläubiges Staunen hervor und nachdem sie die Neuheit halbwegs verdaut hatte, sagte sie:

„Na, die legen aber ein Tempo hin! Wann soll die Hochzeit stattfinden?“

„In vier Wochen. Die Herren geben uns die Zeit uns daran zu gewöhnen.“, sagte ich. Zarah umarmte mich und gratulierte mir. Alle anderen Frauen taten es ihr gleich und ich fühlte, dass alles gut wird. Ich entschloss mich mein Zimmer fest anzumieten. Ich wollte meiner Tochter bis zur Hochzeit so nahe wie möglich sein.

 

Sheik Hussein Nabil

„Deine zukünftige Schwiegermutter gefällt mir wirklich gut! Sie scheint voller Liebe zu sein und gleichzeitig eine Löwin für ihre Kinder. Wie selbstverständlich klopfte sie dreimal und wartete geduldig zehn Minuten mit dem Gesicht zur Wand, nur um zu erfahren, dass es ihrer Tochter gut geht. Und wie unterwürfig ihre Haltung uns gegenüber uns war, hat mich erstaunt. Sag mir mal, wie sie heißt!“, sagte ich zu Kemal.

„Sie heißt Veronika Lichter. Vielleicht ist sie eine natürliche Sub. Wie soll ich deine Äußerung verstehen? Suchst du eine dritte Frau?“, frug er mich.

„Eigentlich war ich mit meinen beiden Frauen ganz zufrieden und hatte nicht vor eine dritte zu nehmen, zumal es die Politik der Bruderschaft ist, Polygamie beim Personal in Europa zu unterbinden. Ich könnte ja meine erste und zweite Frau in die Obhut meiner Familie in Ägypten lassen und mit der dritten in spätestens zwei Jahren nachkommen.“, sagte ich.

„Sheik! Warum willst du uns verlassen?“

„Weil fünf Jahre in einem Kufrland genügen müssen und weil die Bruderschaft mir in Europa einen viel zu liberalen Kurs fährt und sie eigentlich nur darauf wartet, dass ich demissioniere, um dir die Leitung zu übertragen.“, konstatierte ich zu seiner Verblüffung.

„Das war und ist niemals mein Ziel gewesen, dass versichere ich dir!“, sagte er völlig konsterniert.

„Das weiß ich ja und es würde mich sogar freuen, wenn du meinen Posten übernimmst. Bei dir weiß ich alles in guten Händen.“, sagte ich ihm.

Mir war dieses Europa mit seinem schlechtem Wetter und seiner lockeren Moral schon lange über. Ich hatte Heimweh nach meiner vertrauten Umgebung. Kemal war Türke und hier aufgewachsen. Er wäre ein viel geduldigerer Vertreter unserer Zunft als ich.

„Schau! Du bist fünfunddreißig, ich fünfundfünfzig. Du bist hier aufgewachsen und heiratest auch noch eine Deutsche. Du bist perfekt für die zukünftigen Aufgaben geeignet, ich mit Sicherheit nicht. Nun möchte ich das Thema beenden und noch etwas arbeiten."

 

Veronika Lichter

Ich habe meinen Mann vor kurzem beerdigt, jetzt geht meine Caro und heiratet Kemal Khan und ich sitze hier in einem winzigen Zimmer statt zu Hause in einem schönen großen Haus und denke die ganze Zeit nur an den Sheik. Ein Mann weit über die fünfzig, ein Moslem, der bestimmt schon verheiratet ist. Ein Mann von einer schier unglaublichen Präsenz, jedenfalls für mich. Er geht mir nicht aus dem Kopf! Verdammt, ich bin eine bald vierzig-jährige, emanzipierte Frau. Ich bin Verwaltungsbeamtin im mittleren Dienst und habe fast immer gearbeitet. Seit dem Tod meines Mannes habe ich mich vorerst beurlauben lassen, denn ich bekomme jetzt eine üppige Witwen-Pension durch meinem Mann.

Und doch: ich brauche nur an diesen Mann zu denken und schon kriege ich Herzflattern wie ein Teenager. Ich muss dringend Pete von Caros bevorstehender Heirat informieren und auch ich brauche seinen klugen Rat jetzt dringend.