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Die unvollendete Muslimah?

Teil 1

Gott! War ich aufgeregt! Zum ersten Mal in meinem Leben machte ich Urlaub! Mit dabei waren: Akay, Pit, Chan(talle) und ich Liselotte, kurz Lise.

Wir stammten aus Köln-Chorweiler und sind in der 2. Generation ‚Hartz4er‘ und hatten unsere Abiturprüfungen bestanden. Es war nicht unbedingt typisch für Kids aus unserer Umgebung, Abitur zu machen. Aber uns vier hatte eines zusammengeschweißt: Wir wollten raus aus diesem Kreislauf von arm, arbeitslos, hoffnungslos und ewiger Langeweile. Akay war Deutscher mit türkischen Eltern und wir anderen Urgermanen. Wir nannten uns Kanaken, weil Nazischweine Ausländer so bezeichnen, obwohl es eigentlich nur Mensch bedeutet und wir eigentlich gerne Menschen sind - statt Nazischweine.

Jetzt waren wir in Ercan, in Nordzypern. Wir wurden von Öktem, einen der vielen Cousins Akay`s abgeholt, der uns nach Magosa brachte. Ins Haus seiner Eltern. Sie hatten da drei Gästezimmer zum Vermieten eingerichtet. Zu einem Spottpreis für deutsche Verhältnisse und da wir vier immer neben der Schulzeit gejobbt hatten, konnten wir uns einen billigen Urlaub leisten. Das Haus war wunderschön und wir wurden herzlich von Akay`s Verwandtschaft begrüßt.

Nach einigen Tagen hatte man das Gefühl, dass Akay mit allen Bürgern Magosas verwandt war. Jedenfalls verging kein Abend, an dem wir nicht von irgendwem eingeladen wurden. Wir hatten uns in diese Menschen, die so vollkommen anders waren, richtig verliebt. Es waren offene, bescheidene und höfliche Menschen, mit einem großem Herzen.

Chan und ich hielten uns traditionell eigentlich immer bei den Frauen auf. Akay hatte uns im Laufe unserer gemeinsamen Schulzeit etwas türkisch gelehrt und so konnten wir uns ein wenig mit ihnen unterhalten. Das hatte speziell Akay`s Oma so von uns eingenommen, dass wir sie jeden Tag aufsuchen mussten und wir taten das sehr gerne.

Eigentlich dachte ich bei Urlaub immer an Schwimmen und am Strand abhängen, aber das interessierte uns überhaupt nicht. Chan fragte die Frauen, ob es ihnen in den vielen Kleidern und unter dem Kopftuch nicht zu heiß werden würde.

Oma lachte und sagte: „Probiert es doch selbst aus! Bestimmt ist es gut für euch nicht mehr nackt zu sein.“ Alle lachten und ich ganz verlegen und verwirrt lachte mit. Chan und ich hatten uns, aus Rücksicht auf Akay`s Familie, extra einige Sommerkleider gekauft, die wir für sehr sittsam hielten. Und Oma sagte, wir seien nackt. Omas Tochter Fatma und ihre Enkelin Selma nahmen uns mit in ein Zimmer und gaben uns ‚anständige‘ Kleidung. Mit viel albernem Gekichere verwandelten wir uns in brave Muslimahs. Beim Hidschāb waren wir dann vollkommen überfordert, sodass sie uns helfen mussten. Sie begannen mit einem kleineren Tuch, dass unser Haar und unsere Augenbrauen vollständig bedeckte. Dann kam der eigentliche Hidschāb. Er bedeckte unseren Kopf und die Schultern bis zu den Ellbogen. So sah man von uns nur noch ein kleines Gesichtsdreieck und die Hände. Es war seltsam von soviel weitem Stoff umhüllt zu sein. Man könnte es vielleicht mit beschützend verpackt zu sein, beschreiben. Es war gar nicht unangenehm, nur etwas fremdartig. Wie Oma uns so sah, fing sie doch tatsächlich an zu weinen und wir stürzten gerührt von ihren Tränen in ihre Arme.

Dann sagte sie: „Kommt, ich muss euch wunderschöne Mädchen unbedingt unseren Männern zeigen.“ Chan und ich sahen uns erschrocken an.

„Aber Oma, das muss doch nicht sein!“ ,sagte ich. Sie nahm mich an die Hand und führte mich zu einem mannshohen Spiegel. Nun, Kindchen! Was siehst du?“ ,fragte sie mich. Ich wollte erst trotzig antworten und ‚na, mich‘ sagen. Doch da war keine Lise, sondern eine hübsche Muslimah. Ich stotterte: „a... Eine Muslimah?“ Chan stellte sich schweigend zu mir, betrachtete sich und nickte dann nur. Dann gingen wir zu den Männern.

„Seht nur, wie wunderschön unsere zwei Mädchen sind!“ ,rief Oma und es dauerte ein paar - für mich aber ewige - Sekunden, bis sie begriffen, was gemeint war. Die Männer klatschten uns Beifall und taten laut ihre Begeisterung kund. Ich wurde knallrot und wusste vor Verlegenheit mir nicht anders zu helfen, als mein Gesicht so tief vor meine Brust zu drücken, dass nur noch unsere Nasenspitzen unter unseren Hijabs hervorlugten.

Cousin Öktem rief mir zu: „Lise, bitte zeig mir dein Gesicht!“ Ich schüttelte nur den Kopf. Was war bloß mit mir los. Ich hatte noch nie Probleme mich den Männern zu zeigen, aber dass ich ihm in die Augen schauen würde und er mir, hielt ich seltsamer Weise für falsch. Oma sagte:

„So der Spaß ist vorbei! Raus mit euch, Mädchen.“ Dankbar gingen wir zurück. Ich warf Öktem dann doch noch schnell einen flüchtigen Blick zu und blieb kleben. Er hatte sich in mich verknallt und mir ging es auch nicht besser. Ich riss mich mit Gewalt von seinem Antlitz los. Doch alle Männer hatten es mitgekriegt und sie fingen direkt an den armen Öktem aufzuziehen.

Bei den Frauen nahm Oma mich zu sich und flüsterte: „Liebes, weißt du nun, wie schön du in sittsamer Kleidung ausschaust? Du hast Öktem das Herz gebrochen! Ich bin ja so stolz auf dich!“ Ich nahm ihre Hand, küsste sie und drückte sie kurz an meine Stirn. So erwiderte man seinen Respekt.

 

Teil 2

„Oma, ich habe Angst! Halt mich bitte ganz fest!“, bat ich sie und sie hielt mich fest und sicher in ihren Armen. Ich dachte: „Was ist nur los mit mir? Ich benehme mich, wie ein kleines, unschuldiges Mädchen. Okay, ich war noch Jungfrau, aber doch nur, um nicht in einer Hartz4 Karriere zu enden, nicht wegen mangelnder Gelegenheiten. Aber ich war in meinem ganzen Leben noch nie so glücklich, wie hier. Selma sagte: „Wenn ihr wollt, übe ich mit euch ein wenig, wie man den Hidschāb ordentlich anzieht.“

An diesem Nachmittag verband uns mit ihr etwas Neues, wir fühlten uns wie Schwestern. So waren wir die ganzen Tag mit ihr zusammen und wir lernten, wie sich eine gute Muslimah kleidet und benimmt. Auch halfen wir tatkräftig bei den Hausarbeiten. Dann war Ramadan, dem wir uns anschlossen und wir beteten mit ihr und lasen den Koran. Irgendwann fiel mir auf, dass ich noch keine einzige Lira ausgegeben hatte und fragte Selma, wo man hier shoppen könne. Mein Türkisch war in den letzten Wochen immer besser geworden, doch dauerte es, bis sie verstand, was ich meinte. Glaubte ich! Sie verstand, dass ich meine Aussteuer kaufen wollte, um bald zu heiraten.

„Du musst bis zum Ende des Ramadan warten, aber kaufen können wir es schon.“ ,sagte sie. Dann ging sie zu Oma, die nickte und Selma reichte uns jeweils einen mantelförmigen schweren Umhang und zeigte uns, wie man ihn anlegt. Unter ihm verschwanden unsere Konturen völlig. Wir sahen im Spiegel identische Kegel mit einem kleinen Gesichtsdreieck.

Nun sollte ich lernen, was man hier unter einem Rendezvous unter Verliebten verstand. Öktem, Akay und Pit wartete auf uns, um uns zu begleiten. Klar hatten wir sie im Vorbeigehen, während wir unseren häuslichen Pflichten nachkamen flüchtig gesehen. Doch hier war das etwas anderes. Sie waren unsere Begleitung. Sie waren verpflichtet uns zu beschützen und unversehrt nach Hause zurückzubringen. Ich hatte schon lange aufgegeben, mich über irgend etwas zu wundern. Ich lebte hier als gute Muslimah und genoss es immer mehr. Alles war gut. Und so folgten wir still unseren Beschützern mit drei Schritten Abstand. Selma hinter Akay, Chan hinter Pit und ich Glückliche folgte Öktem. Uns begegneten Frauen, die ähnlich gekleidet waren wie wir und die ihren Männern folgten. Doch je weiter wir uns dem Ortskern näherten, kamen uns auch einige mehr westlich gekleidete Frauen ohne Begleitung entgegen. Die Vorstellung mich so nackt und ohne männliche Begleitung zu zeigen, verursachte in mir idiotischerweise Abscheu. Dann betraten wir einen großen hellen Laden. Ein kleiner Junge bedeutete uns, ihm zu folgen. Er führte uns hinter einen Vorhang. Dort standen Stühle, auf die wir uns setzten. Verborgen hinter dem Vorhang hörte ich, wie Öktem sich mit dem Verkäufer stritt. Das war hier ein ganz normales Verkaufsgespräch und es zog sich wohl eine ganze Weile hin. Ein Mädchen brachte uns kalte Limonade. Dann bat mich eine ältere Frau, vielleicht die Mutter des Ladenbesitzers, mit ihr zu kommen. Hinter einen weiteren Vorhang wurde ich ausgezogen und ausgemessen. Laut schrie die Frau meine Masse durch den Vorhang. Als sie fertig war, wollte ich mich wieder anziehen. Doch die alte Frau wies mich an zu warten. Wieder hörte ich die laute und fordernde Stimme von Öktem. Die Frau sagte zu mir:

„Du hast wirklich einen starken Beschützer. Du Glückliche.“ Eine gefühlte Ewigkeit später kam das Mädchen mit einem Berg voller weißem Stoff auf den Armen zu uns und ich wurde von ihnen damit eingekleidet. Im Grunde war es normale islamisch-korrekte Frauenkleidung, nur weiß und mit vielen Stickereien und Perlen drapiert. Die Frau zeigte mir ein Tuch aus weißer Seide mit zwei tränen förmigen Stickereien. Ich hatte so etwas noch nie gesehen; sie nannte es Ruband. Sie legte das Tuch über mein Gesicht, sodass die Tränen auf meinen Augen lagen und das Mädchen befestigte es hinter mir. Es war nicht leicht durch die winzigen Löcher der Stickerei zu sehen. Wollte ich nach rechts oder links schauen, musste ich den Kopf drehen. Ich merkte schnell, dass es am angenehmsten war, wenn ich den Kopf leicht gesenkt hielt und etwas, das nicht mehr als drei Schritte vor mir war, fixierte. Ich betrachtete mich im Spiegel und sah einen schneeweißen perfekt geformten Kegel ohne Gesicht und Konturen. In mir kämpften Faszination und Angst um die Oberhand, doch bevor eine gewann, begannen die Frauen mich umzuziehen. Ich setzte mich wieder zu meinen Freundinnen und lauschte mit ihnen dem Palaver zwischen Ladenbesitzer und Öktem. Zwischendurch kam das Mädchen herein und brachte jeder von uns ein buntes Ruband. Meines war pink mit einem Schlitz über den Augen, bedeckt mit einem hauchdünnen weißen Tuch. Alles schien in Nebel getaucht zu sein, aber die Sicht war sonst gut. In der gleichen Farbe waren auch die seidenen Handschuhe. Nun hätte in meinem Kegel jeder stecken können, selbst ein Marsianer. Meine Anonymisierung war abgeschlossen.

Nächste Woche ist meine Heimreise, was ich da wohl anziehen werde?